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Livebericht Strapping Young Lad (mit Devin Townsend und Zimmer's Hole)

Ein Livebericht von Opa Steve aus Cologne (Prime Club) - 31.03.2003 (5724 mal gelesen)
Diese Tour war wohl lange der Wunschtraum eingefleischter Deviacs, die das Umfeld um Mastermind Devin Townsend sowie seiner Projekte schon lange als ziemlichen Kult betrachten und dementsprechend alle Releases, Side-Projects und Studio-Ambitionen dieses durchgeknallten Kanadiers und Workaholic begierig aufsaugen. Dass Devins Musik selbstverständlich keine Massenware für Tausende ist, zeigte sich schon bei der recht frühen Hallenumbuchung von der Live Music Hall in den kleinen Prime Club in der Kölner Innenstadt. Aber dieses Ambiente hat selbstverständlich den Vorteil, dass die Stimmung lässig und durch fehlende Absperrungen der Kontakt zu den Bands innig ist.

Den Anfang machten Zimmers Hole, deren 99er Output "Bound by fire" hier in Europa sträflich vernachlässigt wurde, und erst durch das Re-Release im Erfolgssog des kongenialen Nachfolgers "Legion of flames" zu späten Ehren kommt. Aufgrund des ausgeprägt Trash-Humors dieser Truppe war das Image oftmals das einer Klamaukband, was aber beileibe nicht stimmt. Wer Zimmers Hole kennt, weiß, dass hier Musiker am Werk sind, die nicht nur einen Heidenspass verbreiten, sondern auch technisch und songwriterisch einiges auf der Pfanne haben. So knallten die Irren um ihren als Beelzebub aufgemotzten Front-Catweazle nach dem schleppenden "The hole is the law" einen Thrash'n'Death-Knaller nach dem anderen durch die ca. 150 Anwesenden. Zu irrwitzigen Ansagen und den gnadenlosen Songs addierten sich massig Show-Gimmicks, die einen Gig von Zimmers Hole einzigartig und unvergesslich machen. Wenn Chris Valagao unter seiner Lederschürze einen gigantischen Plasikdödel auspackt und damit wahlweise zerfallende Leichen schändet oder auch mal meterweit Limo ins Publikum ejakuliert, oder zu "Fully packed" (Killer!!) ein Hühnchen über die Hände zieht und damit Unfug treibt, bleibt kein Auge trocken. Man muss es einfach gesehen haben!

Das Material war ein guter Querschnitt über die beiden verfügbaren Alben. Die klasse Powermetal-Verarsche "This is metal" (inkl. Manowar-mäßigem Schwertposing) wurde lauthals mitgesungen, zu "Re-Anaconda" und dem Oberbrüller "1000 miles of cock" gab es die ersten Stagediver und selbstverständlich stieg der Spassfaktor im Publikum unaufhörlich - und das ohne jede Aggression, so dass man sich auch noch in den ersten Reihen trotz des heftigen Programms sicher fühlen konnte. Irgendwann gab's noch Freibier zu "That's how drunks drink", man bangte gepflegt zu einer Highspeed-Ausgabe von "Sodomanaz", und irgendwann war der chaotische Spuk (leider viel zu schnell) vorbei - obwohl immerhin 16 (allerdings stellenweise ultrakurze Grinder) Songs geboten wurden.

An dieser Band führt kein Weg vorbei. Wer glaubt, JBO wäre die perfekte Symbiose aus Spass und technischem Können, wird bei Zimmers Hole neue Dimensionen entdecken. So gelungen ist die Gratwanderung aus stilistischer Satire und einem gewaltigen Pfund Schwermetall.

Als nächstes betrat der Meister selbst die Bühne. Devin Townsend mit seinen recht jungen Mitstreitern wollte das Publikum nach diesem Geballer in eine ferne Welt entführen, in der er - wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiere - schon längst weilte, bevor er die Bühne betrat. Um die Kräfte für SYL zu schonen, beschränkte er sich auf ruhiges Material und ließ die Physicist außen vor. Die kleine Bühne schien für die zu erwartenden Klangdimensionen irgendwie unpassend, aber nachdem "Seventh wave" von der Ocean Machine seifenblasengleich und gleichermaßen druckvoll wie transparent aus der PA in den Raum schwebte, waren alle Zweifel dahin. Gelobt sei der Meister des Soundchecks. Aufgrund der Clubarchitektur war der Sound ab einer gewissen Bühnendistanz zwar leicht dröhnend, aber weiter vorne spürte man dann doch klar jede einzelne Note dieses progressiven "Magic-Mushroom-Metals". Devins Ansagen beschränkten sich auf ein Minimum - nur die Musik zählte. Als das epische "Earth day" inkl. aller Chöre von Samples und musikalischen Mitstreitern beinahe 10 Minuten hypnotisch den Raum erfüllte, waren die vielen süßen Düfte, die zwischen den Die-Hard-Fans vor der Bühne umherwaberten, eigentlich überflüssig. Selbst ohne psychoaktive Substanzen stand man einfach da und vergaß die Realität. Devin stand in seinem eigenen Mikrouniversum, welches nur aus Gitarre, Mikro, Licht und Sound bestand und sorgte für eine Gänsehaut, dass es eine wahre Pracht war. "Truth" wurde passend mit spacigen Effekten unterlegt und bekam dadurch eine noch markantere Note. Die Fans feierten den Meister ab, aber ich bin mir nicht so sicher, ob er das alles mitbekommen hat. So vertieft war er in sein Spiel, ließ den Blick fast nie vom Gitarrenhals. Beim härtesten Stück dieses Gigs, "Bad Devil", bat Devin passend zum Titel den Zimmers Hole Fronter wieder auf die Bühne, und die beiden schmetterten dieses coole Thrash'n'Swing-Stück in die Menge, die es direkt mit einem (und dem einzigen dieses Auftrittes) Moshpit dankte, während das Publikum ansonsten mit glänzenden Augen dastand oder in verklärter Trance hin und her wiegte.

Die Devin Townsend Stücke sind schon von Tonträger ein faszinierendes Universum, aber wenn ich in Zukunft seine CDs auflegen werde, werde ich zwangsläufig an diesen eindrucksvollen Auftritt zurückdenken müssen.

Beim Headliner Strapping Young Lad gab's ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Devin selbst und Zimmers Hole's Saitenquäler, die schon das Legion Of Flames Album einschredderten. Und wer Gene Hoglan an den Drums noch nicht kennt, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Das neue Album der Prügelknaben ist mir nach dem Überflieger City persönlich etwas zu stumpf gemastert. Als die Band aber live mit den Openern einstieg, war die CD sofort vergessen. Der Sound war messerscharf, die Anlage bis an die Grenze aufgedreht, und die Gitarren sägten so wie es sich für diese Band einfach gehört. Devin selbst war nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem stillen Musiker, der mit seiner eigenen Band entrückt davonschwebte, wurde eine mit Tourette-Syndrom geimpfte Frontsau. Ob seiner Kanonade an sinnlos aneinandergereihten Schimpfwörtern wusste man gar nicht mehr, ob man lachen oder den Kopf schütteln sollte. Devin erinnerte mit seinem lichten Haar und seinen grimmigen Grimassen an die Gestalt des Cryptkeepers aus der bekannten "Tales from the crypt"-Reihe. Aufgrund dieser schizophrenen Darstellung an diesem Abend darf ihm rückhaltlos bescheinigt werden, dass er zwar genial ist, aber ganz gewaltig einen an der Klatsche hat. Mit normalen Maßstäben ist dieser Mensch, der sichtlich problemlos die derbste Schreierei ohne erkennbare Kraftanstrengung aus der Kehle jagte, nicht mehr zu messen. Das gleiche gilt auch für die Musik, die sich dem Publikum darbot. Spätestens ab dem 3. Song "Oh my fucking god", der eine dermaßen perverse Lärmpassage enthielt, dass niemand mehr wusste, wo oben und unten ist, war die Messlatte für live dargebotene Härte auf ein für andere Bands schier unerreichbares Niveau angehoben. Gene Hoglan prügelte mit dem entspannten Gesichtsausdruck einer Heiligenstatue sein Kit in Grund und Boden, zog die Blastbeats mit der Gewalt eines Schiffmotors und der Geschwindigkeit eines Formel-1-Wagens durch. Alte Titel wie SYL oder neues Material (z.B. Rape Song oder das irre Aftermath) spielten auf einem gemeinsamen Nenner, der da nur noch mit apokalyptischem Inferno zu vergleichen war. Viele Live-Reviews haben schon die blumigsten Vokabeln bemüht, um die Härte einer Band in Worten wiederzugeben, aber nach dieser Darbietung hart an der phyischen Schmerzensgrenze und akustischen Auffassungsgabe muss die Geschichte neu geschrieben werden. Obwohl das Publikum eine ungefähre Ahnung hatte, was es erwarten würde, blieb ihm nichts anderes übrig, als unkontrolliert durch die Gegend zu fliegen, oder mit offenen Mäulern einfach dazustehen und zu starren. Mein Beileid gilt der netten Klofrau, die bis zuletzt in ihrem Räumchen direkt neben der Bühne ausharrte.

Als der Gig mit "Detox" und "All hail to the new flesh" inkl. Zugabe beendet war, konnte man sich sicher sein, an diesem Abend gleich zwei Superlativen erlebt zu haben: Devins musikalisches Parallelluniversum, und die unglaubliche Macht eines Strapping-Konzerts.

Wahnsinn. Bitte kommt bald wieder!
Location Details
Prime Club in Cologne (Deutschland)
Adresse:Luxemburger Str. 40

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