Les Chants Du Hasard - Livre Quart

Review von Zephir vom 22.06.2024 (3269 mal gelesen)
Les Chants Du Hasard - Livre Quart Symphonic Black Metal war gestern. Was Mastermind Hazard, ursprünglich im Black Metal beheimatet, mit seinem Projekt LES CHANTS DU HASARD aus den Tiefen der Hölle schöpft, ist nichts weniger als eine Extreme Opera - treffender kann man die Orchesterarrangements, die mit grausigen klassischen und harschen Gesängen angereichert sind, nicht betiteln.

"Livre Quart" ist, der Name verrät es, bereits das vierte Werk unter dem Banner von LES CHANTS DU HASARD. Aus der Taufe gehoben wurde das Projekt 2017, nachdem Hazard eineinhalb Jahrzehnte in der Avantgarde Black Metal-Szene aktiv war, unter anderem als Gastvokalist für PENSÉES NOCTURNES. Just 2023 brachte er unter dem Namen HASARD ein eigenes Avantgarde-Album heraus, "Malivore" - aber "Livre Quart" setzt nun sein neoklassizistisches Schaffen fort.

Bei der Musik von LES CHANTS DU HASARD handelt es sich nicht um Metal, sondern um Orchesterwerke mit Gesang in den Stimmlagen Klassik und Schwarzmetall. Als Gastsängerinnen und -sänger hat Hazard für das vierte Werk eine Sopranistin namens Laura und einen Tenor namens Christian engagiert. Das Orchester ist mit großer Wahrscheinlichkeit synthetisch, wobei allerdings erstens die gute Qualität des Sounds ohrenfällig wird, und zweitens, was noch viel wichtiger ist, das Können des Masterminds, der ganz sicherlich in Kompositions- und Instrumentationslehre geschult sowie mit Neuer Musik vertraut ist. Sinistre Streicher, klagende Flöten, donnernde Blechbläser - mit Pauken- und Glockenschlag garniert sind die sieben 'Chants' ebenso operesk wie diabolisch.

Zu Beginn des Albums, in 'Chant I - Parmi Les Poussières', wird erst einmal alles aufgefahren, was das Orchesterzeug hält: Der volle Einsatz von Bläsern, Pauken, wirbelnden Flötenläufen, Streichersturm und orffschem Instrumentarium erzeugt gemeinsam mit den Vokalisten ein vollmundiges, opulentes Horror-Kino. In 'Chant II - La Chauve-Souris’ geht es dann reduzierter zu Werke. Die tiefsten Töne der bassfähigen Instrumente paaren sich mit unheilverkündenden Glocken und schließlich mit einer Kinderstimme, die in den alsdann über den Hörer hereinbrechenden chromatischen Abwärtsläufen und Tremoli der Streicher zergeht. Das Ganze steigert sich zu einem volltönenden Sturm, der schließlich in den Folgetrack mündet, 'Chant III - Le Bruit Du Monde'. Dieser beginnt als klagendes Streicherwerk, in dem die klassischen Stimmen quasi als Requiem ertönen. Wie in dieser Musik das christliche Element zum ganz und gar Dämonischen, Bösartigen wird, ist ungemein archetypisch und trotzdem überaus bemerkenswert. Auch hier bleiben die glatten, klassizistischen Harmonien nicht bestehen; auch dieser Chant schwillt an zu schmerzverzerrter Dissonanz, deren Grundtöne sich in spannungsgeladenen Basslinien und immerfort weiter emporsteigenden Soprantönen verlieren.

Wer bis hierher durchgehalten hat und angefixt ist, den wird der weitere Verlauf der Platte ebenso überzeugen. 'Chant IV - Sous La Mitre De Fer' zeigt mit dem Kontrast von schweren, unheilschwangeren, tiefen Holzbläsern und an Psycho erinnernden Flöten, mit der bizarren Mischung von klassischem Gesang und Black Metal-Geröchel, dass LES CHANTS DU HASARD mehr kann als Musik - das ist bühnenreife Theatralik. Die grellen Trompeten von 'Chant V - La Nuit Échappée' und die hier ineinanderlaufenden verminderten Harmonien machen es zunehmend schwer, eine Struktur aus dem Werk herauszuhören; der neuneinhalbminütige 'Chant VI - Procession Du Sabbat' ist dann nach meinem Empfinden so etwas wie der Höhepunkt von "Livre Quart". 'Chant VII - Les Ombres Vagabondes’ lässt das Ganze ausklingen. Hier hören wir die Stimme von Göran Setitus, der absolut eingefleischten Insidern bereits in verschiedenen Rollen begegnet sein könnte.

Aufgenommen und produziert hat "Livre Quart" Hazard höchstpersönlich; gemastert wurde die Platte von Déhà, der sich im Underground schon recht verdient gemacht hat.

Als Fazit lässt sich feststellen: Mit LES CHANTS DU HASARD gießt Mastermind Hazard in Musik, was anderenorts noch Bild und Requisitenfirlefanz braucht. Das Phantom der Oper kann einpacken. Mehr Schwarze Romantik geht nicht.



Gesamtwertung: 9.0 Punkte
blood blood blood blood blood blood blood blood blood dry
Trackliste Album-Info
01. Chant I - Parmi Les Poussières
02. Chant II - La Chauve-Souris
03. Chant III - Le Bruit Du Monde
04. Chant IV - Sous La Mitre De Fer
05. Chant V - La Nuit Échappée
06. Chant VI - Procession Du Sabbat
07. Chant VII - Les Ombres Vagabondes
Band Website: www.facebook.com/leschantsduhasard
Medium: CD, LP, Digital
Spieldauer: 40:15 Minuten
VÖ: 21.06.2024

Besucher-Interaktion

Name:
Kommentar:
(optional)
Meine Bewertung:
(optional)
(Hinweis: IP-Adresse wird intern mitgespeichert; Spam und Verlinkungen sind nicht gestattet)

Artikel über soziale Netzwerke verbreiten