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Misery Loves Co. - Zero

Review von Damage Case vom 18.01.2020 (1097 mal gelesen)
Misery Loves Co. - Zero Zeitmaschinen sind ein schönes Gedankenspiel. Was würde man gerne in der Vergangenheit ändern, was aus der Zukunft erfahren wollen? Was zum Zeitreisenden Marty McFly hat das mit MISERY LOVES CO. zu tun? Die Schweden nehmen uns mit auf ihre eigene Zeitreise zurück in die 1990er, ganz so als hätte es die letzten knapp zwanzig Jahre musikalisch nicht gegeben. Nach Ihrem dritten Album "Your Vision Was Never Mine To Share" aus dem Jahr 2000 war plötzlich Schicht im Schacht. Die Band löste sich still und leise auf. Industrial Rock und Metal, kommerziell einst erfolgreich durch NINE INCH NAILS, GRAVITY KILLS, MINISTRY, FILTER, MARYLIN MANSON, DIE KRUPPS, STABBING WESTWARD und viele andere, verkam in den 2000ern zu einem Nischenprodukt, dessen Elemente, die elektronischen Sounds, in der Rock-Szene überlebten, aber deren produktionstechnische Anziehungskraft, die kühle "Industrie-Atmosphäre", komplett abhanden kam. 2016 besannen sich die Masterminds von MISERYY LOVES CO., Patrik Wirén (Gesang) und Örjan Örnkloo (Gitarre und Programmierung), auf ihre alten Stärken und reformierten die Gruppe. Ganze fünf Albentitel wurden seit 2017 bereits als Singles vorveröffentlicht, die Überraschung ob des Klangs des neuen Albums hielt sich daher in Grenzen.

"Zero" knüpft Ende 2019 dort an, wo das Vorgängeralbum neunzehn Jahre zuvor endete: melodischer Industrial Rock, also weniger MINISTRY oder GODFLESH wie zur Grammy-prämierten Anfangszeit des Debüts, dafür melodischer Gesang (Patrik Wirén klingt heute eher wie Nick Holmes ('Fell In Love') um die Jahrtausendwende) und getragene Melodien (zum Beispiel das formidable 'One Of Those'). Doch vermeidet die Band 2019 zum puren Anachronismus zu verkommen. Vielmehr tritt die eingangs erwähnte Zeitreise ein. Viele Dinge kommen dem Hörer vertraut vor. Die Band spielt förmlich damit. Die eröffnenden Bassläufe in 'A Little Something' und 'Would You?' oder die Gesangsmelodie in 'Dead Streets' hat man so oder so ähnlich schon hunderte Male gehört, aber dennoch wirken sie irgendwie frisch vorgetragen, einfach authentisch. Denn trotz vieler bekannter Stilmittel verarbeiten die Schweden auch zeitgemäße Elemente in ihrem neuen Material. Der Opener 'Suburban Break' kommt mit einer Gitarrenwucht aus den Boxen geschossen als können es MISERY LOVES CO. gar nicht erwarten, dem Zuhörer zu zeigen, was sie alles können. Im Refrain öffnet sich der Song in einer Weise, wie Bands wie DISTURBED es seit über zehn Jahren schon nicht mehr vermögen. Auch der weibliche Hintergrundgesang in 'A Little Something' kommt unerwartet, passt aber vorzüglich. Und dann kommt urplötzlich wieder ein 90er-Breitbandrefrain wie in 'Would You?' um die Ecke. Der Titelsong klingt wie ein unveröffentlichter Song der völlig unterbewerteten Refrainmelodie-Champions GRAVITY KILLS, falls die noch jemand in Erinnerung haben sollte. Stilistisch kommen einem auch oft PARADISE LOST zu Zeiten zwischen "Host" (1999) und der Selbstbetitelten (2005) in den Sinn - nicht nur wegen des Gesangs oder der elektronischen Spielereien. Es macht sich gelegentlich eine leichte Elektro-Gothic-Stimmung breit, wie in 'Fell In Love'. Warum allerdings der GARBAGE-Kracher 'Only Happy When It Rains' gecovert wurde, erschließt sich nicht wirklich. Das ist einer dieser Songs, ähnlich wie 'Zombie' von THE CRANBERRIES, der eigentlich nicht coverbar ist, selbst wenn man den Song ein wenig variiert und dem eigenen Bandsound anpasst, wie es MISERY LOVES CO. tun. Patrik Wirén gibt sich zwar größte Mühe, aber den lasziv-gelangweilten Gesang von Shirley Manson, der das Original auszeichnet, bekommt er nicht hin. Kleiner Minuspunkt.

Dafür ist die Produktion einerseits zeitgemäß, andererseits erfreulich trocken und nicht auf Hall und Wumms getrimmt, wie man das heutzutage leider viel zu oft hört. Das Cover ist schlicht gehalten, man sieht einen dunklen Flur, geteilt durch einen Vorhang hinter dem das Licht erstrahlt. Eine Bühne oder ein Spielfeld? Was steckt dahinter? Diese Frage stellt sich sicher auch die Band, bezüglich ihrer Erwartungen, ob in den 2020ern überhaupt noch jemand diesen Sound hören mag.

Fazit: Ja, Industrial Rock ist in den 2020ern immer noch relevant und "Zero" verleiht diesem Subgenre erneut eine Stimme. Die Industriefläche liegt brach. DIE KRUPPS haben 2019 nicht wirklich geliefert, Platzhirsch Trent Reznor schaut viel zu selten vorbei, PRONG haben sich komplett von der Elektronik verabschiedet und Rookies wie 3TEETH sind noch nicht so weit. Wie gut, dass es Altvordere wie MISERY LOVES CO. gibt, die den bekannten Sound einfangen und zeitgemäß unter's Volk bringen. Das Album ist ein Grower vor dem Herrn, erschließt sich zunächst nicht, langweilt fast, um nach mehreren Durchläufen fast süchtig zu machen - ohne nenneswerte Ausfälle. Typischer Fall von verspätetem "Album des Jahres"-Kandidat.

Drei Anspieltipps: Der Opener 'Suburban Breakdown', der seltsam-geile Rocker 'Fell In Love' und das mitreißende Finale 'Way Back Home'.

Gesamtwertung: 9.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Suburban Breakdown
02. A Little Something
03. Dead Streets
04. Only Happy When It Rains (GARBAGE-Cover)
05. Fell In Love
06. The Waiting Room
07. Would You?
08. Zero
09. One Of Those Days
10. Way Back Home
Band Website: https://www.facebook.com/Misery-Loves-Co-100819526
Medium: CD, LP
Spieldauer: 52:27 Minuten
VÖ: 29.11.2019

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18.01.2020 Zero(9.0/10) von Damage Case

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