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Interview mit Helle von Ignea

Ein Interview von Opa Steve vom 15.04.2022 (1984 mal gelesen)
Während Teile der äußeren Ukraine nahezu zerstört sind, ist das Leben in Kiew zwar nicht ungefährlich, aber dennoch noch halbwegs intakt. Wir hatten das Glück, uns per Skype mit IGNEA, der ukrainischen Band mit einer großen Stilbandbreite von Death über Folk bis hin zu orientalischen Einflüssen, zu treffen. Sängerin Helle Bogdanova stand uns aus dem Studio pünktlich zum vereinbarten Termin Rede und Antwort, auch wenn die Internetbandbreite vor Ort nicht perfekt war. Natürlich ging es nicht nur um Musik, sondern auch um den Krieg in der Ukraine, der seit über einem Monat den Alltag bestimmt.

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Hallo Helle, schön, dass das geklappt hat!

Helle: Danke, dass ihr die Zeit für uns habt!

Zuerst einmal bin ich froh, dich gesund hier anzutreffen, wenn man die Umstände bedenkt.

Helle: Oh ja, ich bin auch überrascht, dass ich lebe. Das ist im Moment das Allerwichtigste.

Wie geht es der Band und euren Familien?

Helle: Tatsächlich geht es allen aus der Band gut, auch den Familien. Im Moment sitze ich im Studio. Das ist das erste Mal, dass wir uns alle wieder treffen, seit der Krieg ausgebrochen ist. Das war auch nur möglich, da die Region um Kiew von russischen Truppen befreit wurde.

Das sind wirklich harte Zeiten.

Helle: Für uns ist es tatsächlich viel besser als für die Menschen in anderen Regionen. Wir können uns da nicht beklagen. Auf der anderen Seite gibt es jeden Tag Luftalarm. Wir kommen nicht zur Ruhe, die Gefahr ist immer dabei. Es gibt in der ganzen Ukraine kein sicheres Gebiet. Man muss vorsichtig sein. Obwohl wir aktuell keine russischen Truppen hier haben, wissen wir nicht, ob sie nicht wiederkommen. Wir haben unsere Autos stets vollgetankt für den Fall, dass wir hier weg müssen.

Die erwachsenen Männer dürfen die Ukraine im Moment nicht verlassen. Besteht das Risiko, dass sie zum Militärdienst verpflichtet werden und kämpfen müssen?

Helle: Ja, Männer bis 60 dürfen nicht gehen, weil wir die Generalmobilmachung haben. Wenn das Militär mehr Soldaten braucht, werden sie sicherlich kämpfen müssen. Wir hoffen, dass es dazu nicht kommt. Unsere Bandmitglieder sind nicht beim Militär. Wir haben unsere eigenen Wege, gegen den Aggressor zu kämpfen. Wir sammeln Spenden für das Militär, bleiben aufmerksam und kümmern uns. Unsere Band bringt mehr, wenn wir nicht mit Waffen kämpfen, sondern an anderen Fronten. Im Moment möchte fast jeder in der Ukraine so viel kämpfen, wie er nur kann. Es gibt viele Freiwillige für den Militärdienst. Wir haben daher mit der Anzahl Soldaten kein Problem.

Putin hat in den letzten Wochen ja eine Menge komischer Erklärungen vom Stapel gelassen. Es gäbe Völkermord in der Donbass-Region, die Ukraine strebe nach der Atombombe und würde sie gegen Russland einsetzen, die Regierung bestehe aus Nazis, die Amerikaner würden Biowaffen dort herstellen ... habt ihr irgendeine Idee, was sein wirklicher Grund für diesen Krieg ist?

Helle: Du musst verstehen, dass sich Russland die Ukraine schon immmer einverleiben wollte. Es ist nicht das erste Mal, dass wir darunter leiden. Putin ist von imperialistischen Vorstellungen getrieben. Und dabei geht es nicht nur um die Ukraine. Die russische Regierung hat ja schon hier und da verlauten lassen, dass man auch Teile des Baltikums, Teile Polens, Finnlands und Schweden im Blick hat. Die Ukraine liegt nur am nächsten und wir waren Teil der UDSSR. Ich glaube nicht, dass er einfach verrückt ist. Er möchte herrschen. Er ist ein Diktator, der jetzt über 20 Jahre an der Macht ist. Wir Ukrainer hören jetzt schon lange diese Lügen, wir kennen diese Mentalität. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten sich die Bevölkerungen Russlands und der Ukraine stark gemischt. Meine Mutter ist zum Beispiel aus Russland, lebt aber hier. Wir wissen daher immer ziemlich gut, was drüben passiert und wie sie etwas meinen. Jetzt aber hört der Westen zum ersten Mal diese ganzen Lügen. Wir kennen das aber überhaupt nicht anders. Selbst meine Großeltern haben diese Lügen schon gehört. Und trotz der ganzen Schrecken dieser Tage bin ich froh, dass Europa und die USA jetzt auch diese ganzen Lügen hören. Und dass sie verstehen, wie Russland tickt.

Glaubst du, dass dieser Angriff auf die Ukraine Osteuropa weiter spalten wird?

Helle: Im Moment glaube ich, dass sich niemand auf Russlands Seite stellen möchte. Wenn man in einer zivilisierten Welt leben möchte oder sich Demokratie wünscht, wird man sich nicht Russland anschließen. Selbst wenn man sich den ungarischen Präsidenten anschaut, der immer noch sehr pro-russisch ist, bekommt dieser in der Bevölkerung immer weniger Unterstützung.

Was fürchtet ihr momentan am meisten? imgleft

Helle: Nun, der Krieg geht immer weiter, und ich fürchte, dass er noch Jahre dauern kann. Es sterben nicht nur russische Soldaten, sondern auch ukrainische. Auch ukrainische Zivilisten sterben. Sie bombardieren Zivilisten, sie erschießen Zivilisten, sie foltern Zivilisten, sogar Kinder. Je länger es dauert, umso schlimmer wird es. Eine andere Sache, die ich fürchte, ist, dass uns Russland - selbst wenn wir diesen Krieg gewinnen würden - in fünf oder zehn Jahren wieder angreifen wird. Daher müssen wir unsere Verteidigungsmöglichkeiten aufbauen. Wir stehen Russland immer gegenüber, wir sind immer die Grenze zwischen Russland und anderen europäischen Ländern. Wir müssen in der Lage sein, uns gegen Russland zu verteidigen.

Wegen des Krieges kann man jetzt keine Pläne für die Zukunft schmieden. Welche bisherigen Pläne sind denn durch ihn schon zunichte gemacht worden?

Helle: Wir waren sehr aktiv mit der Band und hatten die Hälfte des neuen Albums aufgenommen. Gestern hätten wir eigentlich in Norwegen auftreten sollen. Wir hatten zudem noch Shows in der Schweiz und in Finnland geplant. Auch eine komplette Tour durch Europa wollten wir im Sommer noch angehen. Jetzt kommen wir natürlich aus dem Land nicht raus und können das nicht. Wenigstens fangen wir wieder an, Musik zu spielen, weil es hier ein bisschen sicherer ist. Wir versuchen auch, das neue Album fertigzustellen. Wir können dafür natürlich keine Videos produzieren. Teile der Produktionscrews sind mit ihren Kindern geflohen, andere Teile kämpfen aktuell. Videos oder Promo-Fotos sind im Moment nicht drin. Es ist zudem nicht sicher. Wir können nicht einmal in den Wald um Kiew gehen, denn dort gibt es verminte Bereiche. Geschweige denn, dass wir Unterkünfte bekämen. Daher haben wir entschieden, schon mal zu tun, was wir aus eigener Kraft schaffen. Das machen wir jetzt einfach Schritt für Schritt. Dazu geht ja auch viel Zeit dafür drauf, jetzt Spenden für die Ukraine zu organisieren. Wir posten tägliche Updates über den Krieg und hören nicht auf damit, bis wir gewinnen.

Ich habe gelesen, dass mittlerweile die Post in der Ukraine wieder funktioniert. Ihr könnt Alben und Merchandise verschicken. Wie ist die Unterstützung der Metal-Community?

Helle: Wir erfahren seit Kriegsbeginn eine Menge Unterstützung. Es ist Wahnsinn, wie uns unsere Fans und die Metal-Community unterstützen. Die Post funktioniert seit Ende März wieder. Seitdem können wir wieder unsere Sachen verschicken und unser Webshop funktioniert. Viele Dinge sind fast ausverkauft und wir versuchen, Nachschub zu erhalten. Wir tun das auch, um die ukrainische Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn wir verschicken oder drucken lassen, unterstützen wir die Dienstleister und es fließen Steuern. Das ist auch im Sinne unserer Regierung, denn das unterstützt das Land finanziell während dieses Kriegs. Wir erhalten auch viel Support über unsere Patreons und konnten einige dazugewinnen. Es ist wirklich fantastisch, und ich danke allen dafür.

Vor dem Krieg waren ja schon zwei Jahre Corona Pandemie. Wieviel Kraft braucht man als Band, eine so lange Krise durchzustehen?

Helle: Für uns waren die Probleme weniger finanzieller Natur, wohl aber mentaler. Wir haben schon lange eine sehr gute Online-Präsenz aufgebaut und sind in sehr engem Kontakt mit unseren Fans. Während der Pandemie haben wir einen Longplayer und ein Mini-Album veröffentlicht. Wir waren immer aktiv, soweit es möglich war. Natürlich ist es sehr hart, wenn man nicht touren kann und einem die Energie der Liveshows fehlt. Es gibt Bands, die ihre Zeit im Studio oder zuhause bevorzugen, weil ihnen auf Tour langweilig ist und der Komfort fehlt. Wir hingegen genießen das Touren sehr, wir fühlen uns als Band auch viel vereinter, wenn wir touren. Für uns sind Liveshows sehr wichtig. Ich reise auch persönlich sehr gerne. Zuhause zu sitzen ist für mich das Schlimmste. Das alles am Stück ist schon sehr hart. Und jetzt fangen andere Bands wieder mit Touren an, und wir sitzen immer noch zuhause und wissen nicht, ob wir morgen noch leben. Es ist wirklich hart.

Eure letzte Produktion war eine Kooperation mit ERSEDU und erschien letzten Herbst. Es war ein spezielles Album mit ukrainischen folkloristischen Themen. Was war die Idee dahinter?

Helle: ERSEDU sind in erster Linie Freunde von uns aus Odessa. Während der Pandemie haben wir sie besucht wie jedes Jahr. Wir haben entschieden, etwas zusammen zu machen. Wir tauschen uns über musikalische Einflüsse aus, sind über zehn Jahre befreundet, also machten wir es einfach. Sie hatten ein paar Instrumentalsongs, ich hatte die Lyrics und das Konzept, und wir haben noch paar Songs hinzugefügt. Das ist eigentlich alles. Die Reaktionen waren unter den Umständen wirklich gut, denn wir konnten mit dieser EP ja nicht touren. Aber sie verkauft sich wirklich gut und ich habe es sehr genossen, daran zu arbeiten und liebe die Songs darauf. Das Album ist kurz, aber ohne Filler.

Hattet ihr denn Pläne, gemeinsam zu touren?

Helle: Tatsächlich haben ERSEDU kein Live-Lineup. Es sind eigentlich nur zwei Personen, die die Musik machen. Manchmal waren sie kurz davor, eins auf die Beine zu stellen, aber es war mitten in der Pandemie. Vielleicht - wenn der Krieg mal vorbei ist (lacht) - machen sie wirklich ein Live-Lineup. Und dann würden wir natürlich zusammen touren.

Zuletzt habt ihr dann bei Napalm Records unterzeichnet. Wie du schon sagtest, ist eure CD zur Hälfte aufgenommen. Gibt es einen Zeitplan, den ihr einhalten müsst?

Helle: Wir haben natürlich die Deadlines vom Label, aber das ist durch den Krieg unmöglich geworden. Sie haben den Termin schon etwas nach hinten geschoben. Die Songs sind eigentlich alle geschrieben. Wir müssen sie nur aufnehmen. Ich hoffe, dass wir vielleicht diesen Monat mit den Aufnahmen fertig werden, wenn hier alles ruhig bleibt - vielleicht nächsten Monat dann den Mix. Und dann kommt natürlich die ganze Postproduction und das Visuelle. Die Musik aufzunehmen ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Und mit einem Label zu arbeiten ist nochmal was ganz anderes, als wenn man es unabhängig macht. Das Label hat einen Release-Zeitplan für ein komplettes Jahr oder sogar länger. Und es gibt noch eine Menge anderer Bands. Da muss man natürlich die Deadlines einhalten, aber im Moment ist alles anders. Wir tun, was wir können. imgright

Glaubst du, dass die aktuelle Situation einen Einfluss auf den Sound oder die Musik auf dem Album haben wird?

Helle: Wir arbeiten mit dem gleichen Produzenten wie bei den anderen Scheiben. Wir entwickeln uns alle weiter, aber wir haben "unseren" Sound. Die aktuellen Ereignisse und die Pandemie beeinflussen vermutlich eher das darauffolgende Album. Unsere Gedanken und unsere Einstellung sind anders geworden. Wenn nach so einer Pandemie noch ein Krieg in deinem Land ausbricht, arbeitet dein Verstand anders. Man fokussiert sich auf wirklich wichtige Dinge, unwichtige Dinge geraten in den Hintergrund.

Das glaube ich sofort. Wir kommen zum Ende meiner Fragen. Hast du für unsere Leser noch eine spezielle Botschaft?

Helle: Ich möchte nur sagen: Versucht, diesen Krieg nicht zu vergessen, der aktuell passiert. Er passiert nicht nur in der Ukraine, sondern in der Mitte Europas. Wir müssen diesen Krieg gewinnen, um Frieden auf diesem Kontinent zu erreichen. Versucht, diesen Krieg so zu unterstützen, wie es euch möglich ist. Wenn ihr finanziell helfen könnt, spendet für die Armee, oder helft den Flüchtlingen, oder tut, was immer ihr könnt. Wenn ihr finanziell nicht helfen könnt, könnt ihr immer noch die Wahrheit verbreiten. Ihr könnt euch auch einfach ein paar Videos ukrainischer Künstler auf Youtube anschauen. Es kostet nichts, aber auf diese Weise bekommen sie mehr Aufmerksamkeit und verdienen auch etwas durch die Views und alles andere. Schon fünf Minuten damit zu verbringen, hilft. Ich hoffe, dass wir am Ende wieder touren können, wenn der Krieg vorbei ist, und wir uns wieder unterwegs bei den Shows sehen.

Das wäre toll! Vielen Dank für deine Zeit in diesen harten Tagen. Und passt auf euch auf.

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