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Interview mit Stephan von Fjoergyn

Ein Interview von Zephir vom 04.08.2016 (2580 mal gelesen)
Die thüringische Ausnahmeformation FJOERGYN arbeitet zurzeit an einem fünften Album. Die EP "Terra Satanica" hat hierauf bereits einen kleinen Vorgeschmack geliefert: manche Themen und Motive der vergangenen Jahre haben sich verstärkt, manche scheinen völlig verschwunden. Höchste Zeit, mit Mastermind Stephan über das gegenwärtige Schaffen zu sprechen.

Hallo Stephan! Zunächst einmal die obligatorische Frage: Wie geht es dir? Ich vermute, ihr steckt mitten in der Arbeit?

Stephan: Ja, das ist zutreffend. Wir arbeiten fleißig an unserem neuen Album und haben parallel mit dem ein oder anderen Problem hinsichtlich der Verwirklichung zu kämpfen. Wäre es nicht an dem, wäre es vermutlich kein FJOERGYN-Album.

Euer erstes Album "Ernte im Herbst" ist mittlerweile elf Jahre alt. Über die Jahre habt ihr verschiedene Themen angeschnitten, die sich nicht einfach auf die Bereiche Naturmystik und Naturgewalt reduzieren lassen. Kannst du kurz beschreiben, wie sich euer Schaffen seither entwickelt hat?

Stephan: Retrospektive muss ich tatsächlich feststellen, dass wir uns stetig von unserer ersten Veröffentlichung entfernt haben. Tatsächlich tun wir das mit jedem kommenden Album. Dieses allerdings fällt uns gar nicht so wirklich auf. In elf Jahren passiert vieles mit einem Menschen. Die ganze Band hat sich verändert. Die Szene, das Genre, ich habe mich verändert. Ich finde das Album immer noch fantastisch und bin selbst begeistert, wie es sich innerhalb der Szene gehalten hat. Allerdings würde ich mir selber keine Veröffentlichung dieser Art mehr kaufen oder gar komponieren. Ich befinde mich ständig in einem schaffenden Prozess und wähle zwischen vielen Ideen immer die für mich trefflichste aus. Die angesprochene Naturmystik habe ich dabei aus dem Fokus genommen. Immer mehr Bands versuchten, diese neoromantischen Züge in ihre Musik zu integrieren, obgleich wir bereits Kopisten dieser Idee waren. FJOERGYN sollte mehr aussagen. Dieses Mehr sollte sich in der Kritik finden, die nun nach elf Jahren lauter denn je wird, da sie sich auch gegen dieses ausverkaufte Genre richtet.

Beim Release von "Monument Ende" 2013 hatten einige Fans, die euch durch das vier Jahre ältere "Jahreszeiten" kannten, beklagt, ihr hättet euch völlig verändert. Vermutlich war ihnen "Monument Ende" zu brutal, obwohl man davon eigentlich nicht hätte überrascht sein dürfen, wenn man "Sade Et Masoch" und auch so manchen Titel von "Ernte Im Herbst" mal genauer angehört hätte. Wie stehst du zu solcher Kritik?

Stephan: Ich verstehe Personen, die diese Kritik äußern und uns als Konsequenz nicht mehr hören. Ich selber bin enttäuscht von Alben, die in dritter Generation gleich klingen. Der Erfolgsgarant spricht wahrscheinlich für sich, aber ich wollte mehr als ein Künstler sein, der sich selbst kopiert. FJOERGYN ist mittlerweile eine kleine Band geworden, die sich eine Nische erspielen konnte, die keine Vergleiche zulässt - ein Fakt, der mir wirklich schmeichelt. Wir haben viele tolle Menschen durch unsere Musik kennen gelernt, haben mit tollen Musikern zusammengearbeitet und konnten genreübergreifend Beachtung finden, was uns stets motiviert und in unserem Vorgehen bestärkt hat. Auch ich kenne Bands, deren Alben ein Hoch und Tief kennen, für mich allerdings reißt da nichts ab. Ganz im Gegenteil, nicht selten schaffen es dieselben Scheiben später zu meinen Favoriten. "Monument Ende" war anders als alles zuvor, aber wie Du es eben auch betont hast, trotzdem noch FJOERGYN wie zwei Alben zuvor. Wer sich nicht mit der Thematik auseinandersetzt, wird womöglich immer schwereren Zugang zu uns finden.

Ich habe kürzlich eure jüngste EP "Terra Satanica" gehört und habe den Eindruck, dass ihr an manche Ideen, die schon in "Monument Ende" stecken, anknüpft.

Stephan: Natürlich! Wenn man die Alben aufmerksam verfolgt, gibt es in jeder Veröffentlichung einen Hinweis auf das Kommende. Das meine ich mit aufmerksamem Hören. "Terra Satanica" ist eine Brücke und sollte eigentlich auch nur ein Lebenszeichen darstellen, das mit einem meiner Lieblingssongs aufwartet, der es ansonsten nie auf eine Veröffentlichung geschafft hätte - 'ISON14'.

Ich denke, bei vier Titeln haben wir Zeit, auf jeden einzelnen einzugehen. Was ist die "Terra Satanica" für dich?

Stephan: Erste Leser hatten sofort einen okkulten Hintergrund vermutet, was aber nur auf den ersten Blick so wirkt. Ich habe schon immer versucht meine Botschaften zu verpacken, sodass unser zeitgemäßes Anliegen in einer Metapher Vertonung findet. Die Terra Satanica und das entsprechende Artwork sollen auf die wahren Götzen verweisen, denen wir unsere Frondienste leisten. Das einfachste, um einen Menschen auf irgendeine Seite zu ziehen beziehungsweise zu gewährleisten, ihn für entsprechende Interessen nutzbar zu machen, besteht meines Erachtens nach darin, Feinde und Gefahren des Gegenüber aufzuzeigen. Wir leben in einer medial gesteuerten Welt. Man offeriert Feindbilder und lenkt von eigenen Schandflecken ab. Die Terra Satanica ist eine für mich existierende Welt, die uns zu medialen und ständig leichter zu beeinflussenden Sklaven macht. Ich spreche nicht nur von Nachrichten, die uns manipulieren, die Rede ist von einer gezielten Verdummung des Volkes, welches sein WIFI als Grundbedürfnis beansprucht. Ich beziehe mich gerne auf Lukrez, der eine menschliche Grundhaltung darstellte. "Süß ist's anderer Not bei tobendem Kampf der Winde auf hochwogigem Meer vom fernen Ufer zu schauen; nicht als könnte man sich am Unfall anderer ergötzen, sondern weil man sieht, von welcher Bedrängnis man frei ist." Unsere Medien offerieren asoziale Familien am finanziellen Limit als Abendunterhaltung. Der Zuschauer, nicht selten am gleichen Abgrund, bestaunt in einem Zoo gleich fremdes Leid, windet sich sicher in den Kissen, zählt die Tage im Kopf bis zur nächsten Sozialhilfezahlung und hält schlussendlich die Fresse. Wir wurden Diener, ja Sklaven eines medialen Machtapparates, der das Volk berauscht und mit verwesten Fetzen von Wirklichkeit abspeist. Dieser Apparat suggeriert den Teufel und wir weigern uns zu erkennen, dass wir einzig und allein die wahren Schergen des Bösen sind. Brot und Spiele, Opium fürs Volk, nenne es, wie du magst, so war es immer und so wird es immer sein.

Möchtest du in diesem Zusammenhang auch ein paar Worte zum Coverart sagen? Es wirkt recht, sagen wir mal, religionskritisch.

Stephan: Diese Religionskritik ist nicht von der Hand zu weisen. Die Kirche hat mit diesem Prinzip ihre Altäre vergoldet. Nehmen wir nur die Denkweise der Katharer, die eben auch die schlechte Welt im Diesseits verstanden. Dass dies ein Kreuzzug gegen selbige Denkweise schlussfolgert, liegt auf der Hand, da sie andererseits niemals ihre Macht hätten ausbauen können. Eine monotheistische Religion braucht gute Argumente, um an Anhängerschaft zu gewinnen, da ist doch der Teufel und die Hölle ein probates Mittel, das sich schließlich bis heute aufzeigen lässt. Fürwahr die Protagonisten ändern sich, aber die Methode bleibt gleich.

Habt ihr keine Angst, dass sich jemand von dem Coverbild auf den Schlips getreten fühlt?

Stephan: Ganz im Gegenteil! Erstens, glaube ich, gibt es beileibe blasphemischere Darstellungen, und darüber hinaus geht es ja gerade in unserer oder gänzlicher Musik beziehungsweise Kunst darum, etwas zu verändern. Mit den Worten von Jan Koenot: "Man singt keinen Song, weil die Welt so ist, wie sie ist, sondern weil man sich nicht in dieser einsperren lassen will."

Ihr spielt überhaupt recht oft mit mythologisch besetzten Bildern ganz unterschiedlicher Epochen und Kulturen. Ich denke da nicht nur an euren Namen FJOERGYN, sondern auch an 'Die Hierarchie der Engel', 'Thanatos' oder eine Passage aus 'ISON14': "Als Baal steh ich in Flammen." Sind das einfach lyrische Metaphern, oder möchtest du das in einer bestimmten Weise verstanden wissen?

Stephan: Beides. Die Gestalt des Baal, als Kinder fressende Gottheit, finde ich faszinierend, gleich auch Brechts literarische Figur. Unsere Texte sollen zum Interpretieren einladen und dem Hörer auch eine Aufgabe offerieren. Inwieweit er ihr nachkommt, obliegt nicht uns. In den wenigsten Fällen biete ich meine Wahrheit an, aber in direkter Diskussion mit dem Menschen würde ich sie einstreuen. Wie verstehst Du gerade das letzte Zitat?

Ah - an Brecht hatte ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gedacht. Mir war zunächst die vorchristliche Gottheit in den Sinn gekommen, der Gott Baal mit seiner ganz ursprünglichen Macht über Leben und Tod - und die Flammen in diesem Zusammenhang als Kraft, als Energie, aber eben auch als Zerstörung. Ich habe mich selbst gefragt, ob das nun ein positiv oder ein negativ besetztes Bild ist - irgendwie ist es wohl beides, beziehungsweise spielen solche Kategorien hier vielleicht einfach keine Rolle mehr …? Kurzer ideeller Exkurs: Macht es für euch als Künstler einen Unterschied, ob man eure Texte religiös oder mythologisch versteht?

Stephan: Nein, ganz im Gegenteil. Ich gehe von einem großen Ganzen aus, einer in sich geschlossenen Wahrheit, die somit beides involviert. Der Hörer soll sich austauschen, belesen, kritisieren und so weiter. Nur dadurch leben meine Texte und erreichen Menschen.

'ISON14' ist, soweit ich weiß und wie man auch aus dem Text heraushört, ein Komet. Was hat es damit auf sich?

Stephan: 'ISON14' thematisiert die letzte Stunde auf der Erde aus Sicht zweier Menschen. Ich empfand die Vorstellung interessant, wie zwei unbekannte Menschen, nicht weit voneinander entfernt durch Zufall am Himmel einen Kometen erspähen, der ihr weiteres Fortbestehen besiegelt. Mich beschäftigte das Bild des Unausweichlichen, dem sich beide Fremde mit ihrer eigenen unabhängigen Biographie in diesem Moment stellen. Deswegen auch war es mir so wichtig, ein Duett daraus zu machen.

Ihr featurt in diesem Titel einige Gastmusiker - Dirk Zöllner, B. Deutung und Shir-Ran Yinon. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Kanntet ihr euch schon vorher?

Stephan: Dirk Zöllner ist ein guter Freund und Wegbegleiter unseres Gitarristen Marcel. Vor wenigen Jahren habe ich ihn so kennen- und vor allem schätzen gelernt. Dirk ist ein toller Musiker und Künstler, der nicht in irgendeinem Genre seine Heimat fand, sondern aus tiefstem Herzen der Kunst verschrieben ist. Ihm gefiel unser letztes Album und die Geschichte dahinter, sodass irgendwann eben jene Zusammenarbeit entstand. Parallel habe ich auf seiner letzten Veröffentlichung mitwirken dürfen, was natürlich eine große Ehre für mich war. Ähnlich verhielt es sich mit Shir-Ran und B. Deutung. Alle drei Musiker zusammen spielen im Ensemble MELANCHOLIA, einer großartigen musikalischen Interpretation der schönsten traurigen Lieder der Musikgeschichte, neu interpretiert eben von Shir-Ran Yinon. Während der Aufnahmen stellte Marcel einen Kontakt zu ihnen her und wir verstanden uns auf Anhieb, sodass ich nun voller Stolz auf die gemeinsame Arbeit mit diesen hochkarätigen Künstlern zurückblicken darf und gleichsam mich auf kommende Aufnahmen freue, in denen ich sie an unserer Seite weiß. Herr B. Deutung war immerhin auch ein Held meiner Jugend.

Ich gestehe, dass mich 'What A Wonderful World' schon getroffen hat. Ich hab natürlich auch gleich beim ersten Hören das Video dazu gesehen. Erzähl doch mal ein bisschen was dazu ...

Stephan: Ich empfinde beim Hören des Originals immer noch Freude. Es ist ein fantastisches Stück Musik außerhalb unseres Genres. Umso trauriger macht es mich, was aus unserer Welt wieder mal geworden ist. Unsere Menschheit könnte so weit sein, stünden keine wirtschaftlichen Interessen hinter Krieg, Medizin und so weiter. Die Veröffentlichung an Weihnachten war womöglich etwas makaber, aber in ihrer Wirkung beabsichtigt. Viel zu viel Leid bestimmt diese Welt, ein Wegsehen ist fatal.

Dann gibt es jetzt noch eine neue Version von 'Ernte Im Herbst'. Der Charakter ist ganz anders, aber trotzdem ist der Titel unverkennbar … Was hat euch bewegt, das neu aufzulegen?

Stephan: Immer wieder sollten wir diesen Titel live spielen und wir tun uns schwer mit ihm, da unsere gesamte Musik nicht selten auf diesen Song reduziert wurde. Ich persönlich schätze ihn sehr und ich weiß, dass wir ihn irgendwann wieder original spielen werden, dennoch wollte ich ihn so aufnehmen, wie ich ihn manchmal alleine für mich gespielt habe.

Hattest du den Eindruck, dass die ursprüngliche Version von 'Ernte im Herbst' auf dem Album von 2005 missverstanden oder romantisiert wurde?

Stephan: Ähnlich. Wenn allerdings, bin ich selber daran Schuld, da ich ihn nun mal auch so angelegt habe. Die Band hat sich entwickelt und dieses Phantom pagan hängt uns wie ein schäbiger Geruch an. Womöglich tun wir uns deswegen etwas schwer mit ihm. Wie gesagt, ich finde den Song wirklich großartig - aber FJOERGYN möchte mehr.

Was erwartet uns auf dem kommenden Album? Wird es noch mehr neues Altes geben?

Stephan: Es wird härter und meiner Meinung nach schwärzer. Das Orchester ist auskomponiert, aber bildet kein Fundament. Unsere Botschaft steht, jedes Argument wurde in ein Riff gegossen. Wir halten es definitiv für das reifste Werk unseres Schaffens und wir werden sicherlich verstören. Wäre ja auch Schade wenn nicht. Es wird keinen Mainstream geben, keine Naturästhetik, keine Wölfe. Wir möchten keine Partytouristen erreichen und auch keine Charts. Unser neues Album unterstreicht uns als Band und gibt der Populärästhetik eine Abfuhr.

Seit "Jahreszeiten" seid ihr bei Trollzorn unter Vertrag. Das ändert sich auch mit "Terra Satanica" nicht, oder?

Stephan: Tatsächlich haben wir "Terra Satanica" auf eigene Hand veröffentlicht. Trollzorn waren immer ein zuverlässiges Label, doch mit unserer neuen Veröffentlichung trennen sich unsere Wege.

Und nun die unvermeidliche Frage … weil Trollzorn ja für Black, Pagan und Viking Metal stehen … wo siedelt ihr "Terra Satanica" an? Ich meine, sowohl musikalisch als auch inhaltlich?

Stephan: Ich kann es Dir tatsächlich nicht sagen. FJOERGYN sind und bleiben FJOERGYN. Ständig im Wandel als murrender Gast im Hafen.

Wann erscheint das Album?

Stephan: Im Frühjahr 2017.

Und last but not least hoffe ich, man kann euch dann auch bald wieder live hören?

Stephan: Zum Ragnarök werden wir unsere neuen Songs präsentieren.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast! Bitte gib uns noch ein Schlusswort mit.

Stephan: Ein Dank an all jene Menschen, die sich leidenschaftlich und tatsächlich interessiert mit Kunst beschäftigen. Sie übersteigt die Wirklichkeit und kann uns nicht selten auch von ihr heilen.

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