Spell - Wretched Heart

Review von baarikärpänen vom 02.05.2026 (519 mal gelesen)
Spell - Wretched Heart "I hope we succeeded in writing a catchy, exciting, personal record, which also pisses off a few of the more rigid traditionalists."

So Cam Mesmer, Sänger und Bassist von SPELL. Das darf man dann schon mutig oder gewagt finden. Gerade bezogen auf genannte Traditionalisten, von denen viele sehr gut mit den ersten vier Alben der Kanadier konnten und denen ihr Metal nicht "true" genug sein kann. An solch Vorhaben sind wirklich schon die Größten der Großen gescheitert. DIAMOND HEAD zum Beispiel hätten nach nach dem Erfolg der Anfangstage einfach nur ihren Sound weiter verfeinern müssen, sie wären heute in einem Atemzug mit IRON MAIDEN zu nennen. Haben sie aber nicht. Stattdessen veröffentlichten sie ein Album, das zu seiner Zeit wirklich jeden Anhänger vor den Kopf gestoßen hat (auch wenn ich persönlich nach all den Jahren diese Scheibe wirklich liebgewonnen habe) und der Karriere einen massiven Knick verpasste, von dem sie sich nie mehr erholt haben. Oder erinnert sich noch jeder an MANOWAR und ihr Death to false Metal? Logo, im Vorfeld einer Veröffentlichung gehört es sich fast schon, wenn eine Band so was raushaut wie Cam Mesmer. Klotzen gehört zum Handwerk. Nur sollte man dann auch liefern, was im Falle von SPELL leider nicht so ganz zutrifft.

Wer jetzt hier einen Verriss wegen der letzten Äußerung erwartet, der darf sich aber gleich schon verabschieden, denn der folgt hier nicht. SPELL haben für alle ihre vier bisherigen Alben überdurchschnittlich gute Kritiken eingefahren und das wird sich auch mit "Wretched Heart" nicht ändern. Warum? Weil SPELL im Gegensatz zu vielen anderen durchaus erfolgreichen Bands nicht stagnieren (auf hohem Niveau wohlgemerkt), sondern sich immer weiterentwickeln. War das Debüt "The Full Moon Sessions" noch tief im truen Metal verankert, haben sich die Kanadier mit jedem weiteren Album nicht unbedingt davon entfernt, aber ihrer Musik frische und spannende Soundtupfer hinzugefügt, vor allem gotische, locker auf dem Zweitwerk "For None And All" zu hören, ohne aber die Basis der Hörerinen und Hörer zu verlieren. Es darf die Frage gestattet sein, wer hier der "Erfinder" ist, SPELL oder UNTO OTHERS. Ich tendiere zu den Kanadiern, die bereits 2016 mit diesem Stil kamen, obwohl UNTO OTHERS durchaus mehr Erfolg vorzuweisen haben. Ungerechte Welt? Kann sein, aber SPELL haben jetzt mit "Wretched Heart" ein gutes Argument in der Hand, um das zu ändern. Womit wir beim letzten Satz des ersten Absatzes wären. SPELL werden viele Traditionalisten mit "Wretched Heart" vor den Kopf stoßen, das hat Cam Mesmer gut festgestellt. Denn der Metal-Anteil wird auf dieser Scheibe noch weiter zurückgefahren, der Hard Rock-Anteil dafür hoch. Und es passt.

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Dabei beginnt "Wretched Heart" im eröffnenden 'Dark Inertia' doch recht metallisch. Zugegeben, man muss sich erst ein wenig an den Sound gewöhnen, gerade diese Musik, die SPELL hier spielen, klingt mit ausgewogener, ja glatter Produktion einfach besser. An die bereits erwähnten UNTO OTHERS erinnert hier so gut wie nichts. Zudem wartet der Song mit einem wirklich tollen Gitarrensolo auf. Etwas anders wird es bereits beim mit Synthie startenden 'Lilac', wo die Goth-Einflüsse stärker durchscheinen. Vor allem aber wegen dem famosen Chorus geht das Stück fast schon als stadionkompatibel durch. Und wohl dem, der in seinen Reihen einen Mann wie Gitarrist Jeff Black (unter anderem GATEKEEPER) weiß. Der schafft es tatsächlich nach dem eh schon gelungenen Solo im ersten Song auf jedem weiteren Track noch einen draufzusetzen. 'Lilac' sowie das direkt nachfolgende 'Take My Life' liefern bereits die besten Beweise, warum SPELL im Vergleich zu UNTO OTHERS die Nase vorne haben. Reinrassiger Metal ist das nicht, was SPELL hier machen, aber sie haben eben eine deutlich härtere Kante.

Was ebenfalls auffällt, ist der Fakt, dass im Vergleich zu den früheren Alben okkultistische Texte kaum noch stattfinden. Stattdessen liefert Cam Mesmer seine wohl persönlichsten Lyrics ever ab. Und bei 'Unquiet Graves' sind sie dann auch wieder, diese pumpenden Bassläufe, die mir auf den früheren Alben schon so gut gefallen haben. Etwas aus dem Rahmen fällt 'Oubliette'. Der Song klingt neben den restlichen neun Stücken direkt anstrengend (aber nicht schlecht!), was wohl damit zu erklären ist, dass textlich hier das Gefühl verarbeitet wird, im Hamsterrad des Kapitalismus gefangen zu sein. Kann man so machen und wird so auch zum netten und gelungenen Kontrast. Nach 'Oubliette' machen SPELL dann einfach weiter mit beinahe schon leichtfüßigen Ohrenschmeichlern, auch wenn sich der ein oder andere bewusst gesetzte Widerhaken in jedem Stück finden lässt. Auch wenn sich der Vergleich nicht direkt aufdrängen mag, aber mir kommen immer wieder GHOST in den Sinn. Und genau denen zeigen SPELL, wie man diese Art von Musik für erwachsene Menschen spielt, eben ohne poppig zu kingen (womit ich jetzt nichts gegen die Klasse von GHOST gesagt haben möchte). Was mir an "Wretched Heart" allerdings besonders gut ins Ohr geht, ist die Art und Weise, wie SPELL Synthesizer in den Sound integrieren und auch elektronisch verfremdete Stimmen (im Titelsong). Die sind eigentlich immer präsent, passen sich aber unaufdringlich perfekt im Gesamtbild ein. Apropos Bild: nicht unerwähnt bleiben darf das stimmige Artwork, welches von Adam Burke stammt, und die (wenn auch zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftige) Produktion von Stammproduzent Felix Flung, die, wenn man sich erst mal in das Album reingehört hat, mehr als passend ist. SPELL veröffentlichen ja momentan über Bad Omen Records und sind zurzeit neben WYTCH HAZEL die einzige Band im Roster. Auch wenn es da rein musikalisch keine besonderen Berührungspunkte gibt, passen diese beiden Truppen alleine schon deswegen perfekt zusammen, weil sie beide so außergewöhnlich klingen und ihren Visionen einfach folgen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass SPELL sich schon wieder irgendwie neu erfunden haben, aber alles irgendwie immer doch nach SPELL klingt. Metal Archives listet die Kanadier immerhin als Einfluss für die bereits mehrfach erwähnten UNTO OTHERS (wenn auch auf den hinteren Rängen). Deren Alben sind natürlich berechtigterweise sehr erfolgreich. Und doch kann man jeder und jedem, der genau diesen Stil mag, nur wärmstens empfehlen, doch lieber zu SPELL zu greifen. Die Ahornblätter schaffen es nämlich im Gegensatz zu den US-Amerikanern, diese nicht unwichtige Grundhärte in ihre Songs zu integrieren beziehungsweise sie beizubehalten. Genau das ist für mich der Grund, SPELL im direkten Vergleich den Vorzug zu geben. Kleiner Fun Fact am Rande: irgendwie sind SPELL ja doch beinharte Anhänger des True Metal, denn schaut euch einfach mal das Outfit auf dem Bild auf Metal Archives oder im angehängten Video an und ihr werdet feststellen, dass das verdammt nach den deutschen STORMWITCH ausschaut (die ja nach eigenen Angaben Romantic Metal gespielt haben in den 80ern). Ich verpasse "Wretched Heart" satte neun Punkte und gönne mir eine nächste Runde SPELL im Player.




Gesamtwertung: 9.0 Punkte
blood blood blood blood blood blood blood blood blood dry
Trackliste Album-Info
01. Dark Inertia
02. Lilac
03. Take My Life
04. Unquiet Graves
05. Oubliette
06. Iron Teeth
07. Exquisite Corpse
08. Savage Scourge
09. In Duress
10. Wretched Heart
Band Website: www.facebook.com/spellspell
Medium: CD, LP
Spieldauer: 41:03 Minuten
VÖ: 01.05.2026

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