Wucan - Axioms

Review von baarikärpänen vom 29.08.2025 (1117 mal gelesen)
Wucan - Axioms Es gibt Bands, die es dem Rezensenten und natürlich ihren Fans einfach machen. Die veröffentlichen Album auf Album, und die oder der geneigte Hörerin oder Hörer bekommt genau das, was sie oder er so an eben der Band liebt. AC/DC sind da ein gutes Beispiel. Dann wiederum gibt es Truppen, die sich wie zum Beispiel METALLICA erst dem Zeitgeist anbiedern, einen (musikalisch) ausgetreckten Mittelfinger zur Selbstreinigung wie "St. Anger" brauchen, um wieder in die Spur zu finden. Ja, manche machen gar mit besagter Annäherung an Zeitgeist ihre durchaus mögliche Weltkarriere schon zu Beginn kaputt, siehe DIAMOND HEAD. Schlußendlich gibt es dann noch die Bands, die bereits so groß sind, daß man ihnen als Fan oder Rezensent auch halbgare Veröffentlichungen abkauft oder schön schreibt. Man denke an "Senjutsu" von IRON MAIDEN. Tja, das Spektrum ist breit. Aber, und diese Truppen sind für alle Beteiligten die spannendsten, sind da noch Bands, die bereits mit ihrem Debüt Großes vollbracht haben, zu Recht in ihre jeweilige Kategorie gepackt wurden, nur um mit jedem weiteren Album eben noch bemerkenswerter zu werden, ihr von Fans und Presse auferlegtes Korsett ganz einfach sprengen, ohne auch nur einen der ganz frühen Bewunderer zu verlieren, nein, im Gegenteil immer mehr davon zu gewinnen. Und das führt uns zu WUCAN, die mit ihrem neuen Scheibchen "Axioms" eine wahre Wundertüte veröffentlichen und sich schon wieder neu erfinden, ohne auch nur einen einzigen (früheren) Fan achselzuckend im Regen stehen zu lassen. Wahrlich eine Kunst, die nur die wenigsten in dieser Form beherrschen.

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Nun waren WUCAN auf ihren drei vorhergehenden Alben schon schwer zu fassen. Wo hat man sie nicht überall verortet? Classic Rock, Hard Rock, Ost Rock, Kraut Rock oder gar Metal. Das hat alles irgendwie ja auch gepasst, aber traf den Nagel nur bedingt auf den Kopf. WUCAN machen eben WUCAN-Sachen, die sonst keiner macht. Und das machen sie so charmant-gekonnt, dass es eine wahre Freude ist! Waren die (mutigen) Schritte vom Debüt "Sow The Wind" zum Nachfolger "Reap The Storm" noch klein, sie wurden bereits zum Drittling "Heretic Tongue" größer. Vielleicht wollten WUCAN (eventuell unbewußt?) nur mal vorsichtig austesten, was so geht? Nun denn, dieses Ausweiten des Horizonts hat ihnen so viel Selbstvertrauen gegeben, dass sie jetzt von "Heretic Tongue" zu "Axioms" geradezu einen Riesenschritt hingelegt haben und trotz der dargebotenen stilistischen Breite, vom härtesten Song, den die Band jemals aufgenommen hat, bis hin zum wagemutigsten Experiment in ihrer Karriere, alles von der ersten bis zur letzten Sekunde der Scheibe passt wie Arsch auf Eimer. Oder wie Francis Tobolsky, Sängerin, Gitarristin, Flötistin, es so schön sagt: "Die Basis unserer Musik ist internationaler Hard Rock der 70er mit zeitgemäßen Einflüssen, die diesmal noch etwas pompöser, brachialer und vielschichtiger ausgefallen sind". Und das stimmt zu 100 Prozent. Chapeau!



'Spectres Of Fear' eröffnet die Scheibe fast schon WUCAN-typisch, ist aber auch mit den Synths zu Beginn sofort ein kleiner Fingerzeig, auf das, was uns noch erwartet. WUCAN stellen sich noch breiter auf. Aber hier ist man sofort irgendwie "zuhause", wenn Francis' schöne Querflöte ertönt, die sich prima mit dem galoppierenden Beat ergänzt. 'Immigrant Song' von LED ZEPPELIN irgendwer? Wer schon besonders gut auf 'Kill The King' oder 'Don't Break The Oath' vom Vorgänger konnte, der wird garantiert bestens von 'Irons In The Fire' abgeholt. Herrlich, wie WUCAN kleine "Inseln" in den Song integrieren, die für sich genommen experimentell sind, aber sowas zum kompletten Track passen. Wer noch einen Beleg für das unbegrenzte Selbstbewußtsein des Vierers benötigt, für den liefern WUCAN 'Wicked, Sick And Twisted'. Funkig bis zum geht-nicht-mehr. Mir fällt da sofort JAMIROQUAI ein. Was bei anderen Bands total in die Hose geht (dieser Musikstil war schon immer ein "love it or hate it"), vereinnahmen WUCAN ganz einfach für sich und machen daraus einen Song, der ungelogen sogar in den Hipster-Clubs für volle Tanzflächen sorgen könnte. Dabei ist auch hier zu jeder Sekunde die WUCAN-DNA erkennbar. Und ja, WUCAN haben die Elektronik für sich entdeckt (gut, haben sie auch früher hin und wieder), aber ein Song wie 'KTNSAX' wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen. Aber auch hier gilt: Experiment gelunge! Nehmen lassen sich WUCAN auch nicht ihre politische Meinung. 'Fette Deutsche" vom letzten Album war, so Francis Tobolsky, wohl noch nicht deutlich genug. Ergo folgt auf "Axioms" mit 'Holz Auf Holz' ein weiteres Statement. Dabei sei allerdings angemerkt, dass man etwas Zeit mitbringen sollte, um in den Text des Songs einzutauchen und auch zwischen den Zeilen zu lesen. Tobolsky zeigt denjenigen, die mit Plattheiten in ihren pseudointellektuellen Texten auf Missstände hinweisen wollen, wie man seine Message gekonnt in Worte packt. 'Pipe Dreams' zeigt uns dann aber wieder, dass WUCAN immer noch wissen, wie man ordentlich abrockt. Aber auch hier wieder dieses tolle Songwriting, das dafür sorgt, dass man immer gespannt mit den Ohren an den Lautsprechern klebt. Sicher bin ich mir nicht, ob WUCAN das so haben wollten, aber mich lässt der Titelsong immer wieder an die besten Momente des Grunge denken, hier vor allem PEARL JAM auf ihren ersten beiden Scheiben. Toll auch, wie Francis' Querflöte diesen Song leben und atmen lässt. Mit über sieben Minuten, damit gleichzeitig der längste Song, beschließt 'Fountain Of Youth' dieses spannende Album (wer sich das limitierte Collectors Edition-Vinyl sichert, bekommt mit 'Four Mirrors' noch einen Bonus-Track). Und WUCAN nutzen hier jede Sekunde und lassen innerhalb des Stücks so viel passieren, daraus könnte man glatt ein weiteres Album basteln. Und trotzdem ist auch hier wieder alles wie aus einem Guss. Nicht unerwähnt bleiben darf die tolle Produktion von "Axioms". Das klingt alles so natürlich, trotz der elektronischen Spielereien. Da hört sich nichts nach Studio an, vielmehr hat man den Eindruck, da steht gerade eine Band vor dir auf der Bühne, mit einem exzellenten Mischer, der weiß, welche Knöpfe er zu drehen hat, um jeden Ton brilliant einzufangen.

Jawoll, WUCAN machen mit "Axioms" den nächsten großen Schritt! Eine Band, die ihre Visionen lebt und nicht davor zurückschreckt, sie auch in ihre Songs einfließen zu lassen oder einzubauen. Dabei aber, und das ist die ganz hohe Kunst, klingt am Ende des Tages alles immer unverkennbar nach WUCAN. Bester Beleg dafür ist hier das funkige 'Wicked, Sick And Twisted', ein Song, der anderen Truppen das (kommerzielle) Rückgrat brechen würde. "Axioms" ist ein Album, auf dem es so viel zu entdecken gibt, auf dem gerade die dargebotene Stilvielfalt ein absolutes Plus ist. Hier wird niemandem, der WUCAN früher liebte, vor den Kopf gestoßen. Die Zahl der Anhänger des Vierers sollte mit "Axioms" nochmals steigen. Wenn beim Erscheinen eines neuen Albums schon sowas wie gespannte Erwartung einsetzt, was wohl auf dem Nachfolger Neues und Tolles passiert, dann ist das in dem Fall nicht deswegen, weil "Axioms" langweilig ist, sondern weil man gar nicht schnell genug mehr davon bekommen kann. Und dafür schrammen WUCAN auch mit neun Punkten nur knapp an der Höchstwerung vorbei.




Gesamtwertung: 9.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Spectres Of Fear
02. Irons In The Fire
03. Wicked, Sick And Twisted
04. KTNSAX
05. Holz Auf Holz
06. Pipe Dreams
07. Axioms
08. Fountain Of Youth
09. Four Mirrors (Bonus)
Band Website: www.facebook.com/wucanmusic/
Medium: CD, LP, Cassett
Spieldauer: 43:40 Minuten
VÖ: 29.08.2025

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