Aftertayst - Hell Inside

Review von Rockmaster vom 06.06.2020 (4565 mal gelesen)
Aftertayst - Hell Inside AFTERTAYST haben sich einen für den Rezensenten denkbar dankbaren Bandnamen ausgewählt, mit dem sich ein ganzes Universum aus musikalisch-kulinarischen Vergleichen auftut - von denen gerade die billigsten aber hier nicht geboten sind. AFTERTAYST zum Beispiel nachzusagen, sie hätten einen unangenehmen "Nachgeschmaq", wäre wirklich falsch. Auch die zynische Feststellung, das ginge ja nur "nach Geschmack" ist unangebracht. Ich fühle mich beim Hören von "Hell Inside" am ehesten wie im Gourmet Palais d'Escalope, wo mal allen kulinarischen Finessen huldigt, die die Panade Cuisine zu bieten hat. Die Zutaten des "kleinen Schnitzeltellers" sind altbekannt und werden in nie überraschender Manier komponiert. Als Anleihe von der Haut Rein Cuisine ist der Teller übersichtlich angerichtet - so ist der erste Zentimeter über dem Teller exklusiv dem Schnitzel vorbehalten, das links und rechts exakt zwei Zentimeter über den Tellerrand hinausragt. Die nächsten drei Zentimeter sind für die fetttriefenden Pommes, die den Pommesampeltest mit Bravour bestehen, und obendrauf kommen Ketchup und Mayo soweit das Auge reicht. Wir alle wissen, dass wir spätestens nach der Hälfte pappsatt sind und nach zwei Dritteln der Bauch platzt, und greifen doch immer wieder gerne zu und essen auch brav auf. Kulinarische Akzente setzt der Koch durch hinzufügen oder weglassen von Salz ad lib, und wenn er seinen Beruf wirklich liebt, wird ein Petersilienzweig hoch thronend in Ketchup oder Mayo dekoriert, von wo er zwangsweise irgendwann auf den Tisch hinabrutscht. Nur eines darf dem exklusiven Gericht nie zu nahe kommen: So exotische Schickimicki-Importgewürze wie Pfeffer, die den durchschnittlichen Gaumen des Connaisseurs überfordern könnten. Maggi indes steht stets auf dem Tisch, ohne dass wir wüssten, wofür eigentlich, und manchmal hat der Chefkoch auch eine Sauce nach altem Hausrezept im Angebot (die es uns erleichtert, die letzten Bissen hinunterzuwürgen), ohne uns jedoch sein Verwandschaftsverhältnis zu den Herren Kühne oder Kraft näher zu erläutern. Während wir uns den letzten Bissen zwischen die Zähne schieben, entfernt die freundliche Bedienung bereits Teller und Besteck, und wir mümmeln schmatzend noch ein "uper ecker ieder eute" raus.

Wie in unserem geliebten Gourmetschnitzelpalast gibt es auch bei AFTERTAYST vor allem eines: Viel. Die musikalischen Zutaten, Old School Metal mit ein bisschen Thrash-Anleihen, kennen wir seit Jahrzehnten und lieben sie. Die fünf Jungs beherrschen auch alle ihre Kochkunst, und wenn der Opener 'Why' aus den Boxen donnert, haben wir alle auch noch großen Appetit, den der tolle Titel gleich weiter anregt. Schon bei 'Moral Decay' allerdings merken wir, es schmeckt heute eigentlich doch alles wie immer. Die Musik ist leidlich unterhaltsam, aber so richtig Pfeffer wie im Opener haben AFTERTAYST selten. Am Sound liegt es nicht, der hat zwar noch ein wenig Luft nach oben, aber dennoch angemessen Wumms, und auch am Engagement der Musiker liegt es nicht. Schlagzeuger Kyle "The Durk" Durkey erledigt gleich zwei Jobs. Einerseits klopft er mit Bassist Gabe Ramos zwei Stunden lang mit Leidenschaft unser Schnitzel zart (trifft aber möglicherweise immer die gleiche Stelle, weswegen es später doch ein wenig zäh wird), andererseits wirbelt er sich immer wieder einen Wolf, als würde er gerade aus einem gewöhnlichen Salatblatt einen filigran verästelten Petersilienzweig für die Dekoration schnitzen. Riffing und Soli von Lee Baxter und Dan Kabanuck sind solide, aber - und hier hakelt die Analogie zu unserem Gourmetgericht - so richtig fett sind sie nicht. So richtig knusprig auch nicht. Pommesampeltest bestanden. AFTERTAYST machen nicht viel aus ihren zwei Gitarren und irgendwie fehlen jegliche Hooks. Auch solide ist der Gesang von Miguel "Miggs" Martinez, der mit rauer, thrash-affiner Stimme die Vocals rausschreit. Ein bisschen Variabilität wäre schön gewesen, aber er erledigt seinen Job stilecht.

Eigentlich würde ich nach CD 1 gerne passen, aber man lässt doch nichts zurückggehen. Ein bisschen anstrengend wird das Doppelalbum auf die Länge aber schon, da gehen die teils ernsten Themen der Lyrics wie Kindesmissbrauch durch Kleriker, den man nicht oft genug und nicht laut genug anklagen kann, in 'Little Child' leider ziemlich im Rauschen unter. Sonst werden vorwiegend persönliche Themen behandelt, aber auch sozialkritische oder die typischen Metal-Klischees. Kurz vor Schluss fällt AFTERTAYST dann ein, dass sie uns die "Sauce nach altem Hausrezept" noch nicht aufgetischt haben, und so kredenzen sie schnell noch die Rock 'n' Roll Nummer 'Travelin' Band', ohne uns ihr Verwandschaftsverhältnis zu den Herren Creedence oder Clearwater näher zu erläutern. Endlich mal wieder ein Titel, der so richtig geschmeidig rundläuft, und so kriegen wir auch den letzten Bissen 'My Pleasure' gut runter und loben leicht ermattet: "ut ars, aber etzt eichts."

Gesamtwertung: 6.0 Punkte
blood blood blood blood blood blood dry dry dry dry
Trackliste Album-Info
CD 1
01. Why
02. Moral Decay
03. Rage
04. Cold Chill
05. Bar Fight
06. Creature
07. The Urge
08. Never Fear
09. Welcome To Life
10. Break Neck Pace
11. Twisted
CD 2
12. Bullets Are Cheap
13. Blame
14. Hell Inside
15. Escape The Lie
16. Fade
17. Little Child
18. Down
19. Last Laugh
20. My Sweet Parasite
21. Travelin' Band
22. My Pleasure
Band Website:
Medium: DoCD
Spieldauer: 109:25 Minuten
VÖ: 30.11.2018

Besucher-Interaktion

Name:
Kommentar:
(optional)
Meine Bewertung:
(optional)
(Hinweis: IP-Adresse wird intern mitgespeichert; Spam und Verlinkungen sind nicht gestattet)

Artikel über soziale Netzwerke verbreiten