Interview mit Kevin und Julian von REVANCHIST

Ein Interview von ReviewRalle vom 28.08.2026 (872 mal gelesen)
Zwischen Allgäuer Alpen und fränkischem Underground: REVANCHIST stehen für modernen Melodic Death Metal, der tief unter die Haut geht. Im ausführlichen Gespräch verraten Kevin (Vocals/Gitarre) und Julian (Drums), wie ihre neue EP "Hostage Of The Unsaid" entstanden ist, wie sie mit Konformitätsdruck in der Musikbranche umgehen und was der Metal-Nachwuchs wirklich braucht.

Hallo zusammen, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt! Wie geht's euch?

Kevin: Danke, alles bestens! Vielen Dank, dass wir dieses Interview mit euch führen dürfen!

Für viele unserer Leser werdet ihr sicherlich noch ein gänzlich unbeschriebenes Blatt sein. Stellt euch doch gerne einmal vor - wer steckt hinter REVANCHIST und was für Musik gibt's von euch auf die Ohren?

Kevin: REVANCHIST ist ein Trio aus Nürnberg und Obermaiselstein im Allgäu. Julian, der Allgäuer Anteil der Band, ist unser Drummer. Meine Rolle in der Band sind Vocals und Gitarre. Unseren Stil nennen wir Modern Melodic Death Metal, das ergibt sich daraus, dass wir Songstrukturen spielen, wie man sie beim Melodeath wiederfinden würde, aber auch vor Breakdowns nicht Halt machen, weshalb wir den Präfix modern bevorzugen.

Es freut mich immer sehr, wenn ich Bands aus der Nähe meiner Heimat - ich selber bin Oberfranke - entdecke. Laut den Metal Archives wächst die Dichte an Metal-Bands in Franken, Bayern und Thüringen gefühlt unaufhaltsam. Gleichzeitig fällt es kleineren Bands oft schwer, Konzerte zu veranstalten, und im Underground ist die Besucherquote manchmal ziemlich spärlich. Wie seht ihr dieses Paradoxon? Ist der regionale Markt übersättigt, supporten die Fans nicht genug oder habt ihr ganz andere Erfahrungen gemacht?

Kevin: Zugegebenermaßen ist ein Konzert zu veranstalten ziemlich aufwändig und der Return on Investment ist mitunter niedrig. Wie viele Besucher tatsächlich kommen, ist von vielen Faktoren abhängig und lässt sich schwierig planen, da die meisten die Entscheidung, auf ein Konzert ohne Ticketvorverkauf zu gehen, relativ spontan treffen. Ich denke aber, das ist keine gänzlich neue Situation. Damit mussten Bands im Anfangsstadium schon immer leben. Ein Publikum müssen wir uns alle hart erarbeiten. Dass die Anzahl an Bands zu steigen scheint, würde ich darauf zurückführen, dass es dank der Homerecording-Möglichkeiten heutzutage deutlich einfacher geworden ist, musikalisch kreativ zu werden. Das ist eine tolle Entwicklung!

Julian: Jeder entscheidet selbst, ein Konzert zu besuchen oder nicht. In einer Zeit der Werbungsbombardierung, in der einige Bands die Selbstdarstellung und Quantität vor Qualität der eigentlichen Musik priorisieren, finde ich es okay, wenn es Leute gibt, die noch selektiver auf Konzerte ihres individuellen Geschmacks gehen. Manche legen Wert auf generische Gleichheit, manche auf gute Musik, manche auf unvergessliche Live-Shows. Wir mussten uns zum Glück noch nie über fehlenden Support von Fans beklagen. Ich denke, wenn das der Fall ist, liegt das eher an der sinkenden Opferbereitschaft der Bands.

Auf eurer anstehenden EP "Hostage Of The Unsaid" geht es ja unter anderem um innere Konflikte, Konformitätsdruck und die daraus resultierende Selbstentfremdung. Sind das Themen, die ihr rein lyrisch behandelt, oder verarbeitet ihr da eigene Erfahrungen?

Kevin: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine persönlichen Favoriten unter unserer Songs immer dann entstehen, wenn ich mich mit Themen auseinandersetze, die mir am Herzen liegen und von denen ich persönlich erzählen kann. Das können eigene Gefühle sein, aber auch Dinge und Vorgänge, die ich in der Welt beobachte. Wenn ich etwas selbst gefühlt, gesehen oder erlebt habe und darüber schreibe, dann lässt das einen Song viel näher an mich heranwachsen und es macht deutlich mehr Spaß, ihn zu performen - ob im Studio beim Recording oder Live. So haben wir es auch bei unserer neuen EP "Hostage Of The Unsaid" gemacht. Beim Start einer Songwriting-Phase stellt sich immer die Frage, welche Richtung man einschlagen möchte, was man im Vergleich zum letzten Release anders machen will und natürlich will man als Musiker auch gehört werden. Musik hat sich schon immer an die Räumlichkeiten, in denen sie gespielt und an die Medien, über die sie abgespielt wird, angepasst. Da gab es immer wieder Revolutionen. Nun ist es heutzutage so, dass es Algorithmen und verkürzte Aufmerksamkeitsspannen - von denen sich kaum jemand vollständig freimachen kann - gibt, die Einfluss auf Songwriting-Entscheidungen nehmen. Das kann zum Beispiel ein Intro sein, das wir kürzen, damit ein Song schneller zündet. Ich denke, insgesamt haben wir auf "Hostage Of The Unsaid" einen guten Spagat geschafft. Trotz des Wissens, dass es algorithmisch wahrscheinlich nicht sinnvoll ist, wollen wir uns keinen Fünf-Minuten-Song verbieten lassen, wenn wir ihn so fühlen, wie er eben ist. Es gibt gerade in den moderneren Gangarten des Metal viele Bands, die dieses "dem Algorithmus dienliche Songwriting" perfektioniert haben und es als Schablone verwenden. Dazu wollen wir nicht gehören. Apropos Konformitätsdruck: Nicht nur auf Streamingplattformen begegnen uns diese Algorithmen. Auch auf Social Media - eigentlich müsste es Attention Media heißen - gewinnt nur, wer das Spiel mitspielt, dass die großen Konzerne sich ausgedacht haben. Das bedeutet, deutlich häufiger zu posten und Inhalte leicht verdaulich, trotzdem aber aufmerksamkeitserregend zu präsentieren. Ansonsten sehen nicht einmal deine eigenen Follower deine Inhalte. Nur logisch, dass man sich dann manchmal die Frage stellt: "Bin das eigentlich noch ich?"

Dieser Konformitätsdruck ist vor allem durch die sozialen Medien so präsent wie noch nie. Spürt ihr das als Band im digitalen Bereich auch? Üben Follower-Zahlen oder Stream-Statistiken einen Druck auf euch aus und wie geht ihr damit um?

Kevin: Es gibt gewisse Zahlen, die eine Band vorweisen können sollte, um von Bookern, Labels, Magazinen, Playlist Kuratoren und so weiter wirklich ernst genommen zu werden. Ich denke, an diesen Zahlen ist definitiv etwas dran und natürlich wollen auch wir ernst genommen werden. Aktuell sehen wir es als Ziel, dieses Bekanntheitsniveau, ohne uns dabei entfremden zu müssen, zu erreichen und so für Bookingagenturen et cetera attraktiver zu werden. Natürlich hat das auch eine Kehrseite und sollten wir, nachdem wir dieses Niveau mal erreicht haben, wieder abfallen, wären wir vermutlich nicht glücklich darüber. Die Kunst ist es, Veröffentlichungen und Content so zu planen, dass man die Welle möglichst lang reiten kann. Als Social-Media-Verantwortlicher der Band bin ich den Statistiken täglich ausgesetzt. Das verursacht Druck, keine Frage. Bislang hat uns dieser Druck aber eher geholfen als geschadet.

Julian: Wir machen Musik, die wir selbst geil finden und stecken fast unsere gesamte Freizeit in REVANCHIST. Klar fühlt es sich dann gut an, wenn unsere Musik gestreamt wird. Aber wie viele Follower wir aktuell haben, hat mich persönlich emotional noch nie berührt.

Musik ist für viele Menschen ein sicherer Hafen - eine Zuflucht, um Zugehörigkeit oder gar Selbstheilung zu finden. Welche Bands vermitteln euch persönlich dieses Gefühl?

Julian: Selbstheilung funktioniert für mich am besten, indem ich eigene Musik schaffe. Der Begriff "Zugehörigkeit" war mir schon immer fremd, da ich Musik mit meinen eigenen Emotionen verknüpfe. Falls du noch Bandnamen hören möchtest, die mich durch sehr schwierige Zeiten gebracht haben, dann sind das vor allem DEAFHEAVEN und HERETOIR.

Kevin: Für mich sind das vor allem Bands, die mich zum Metal gebracht haben und die ich als Kind gehört habe. Ein eher nostalgisches Gefühl also.

Wie sieht bei euch eigentlich der Songwriting-Prozess aus, wie entstehen diese Songs?

Kevin: Wir fangen eigentlich immer mit der Instrumentierung an. Meistens recorde ich die Riffs zuhause am PC und lege damit ein Song-Arrangement an. Anschließend kommen Drums und Vocals dazu. Sobald wir mit der Demo zufrieden sind, nehmen wir alles noch einmal perfekt für den finalen Song auf.

Julian: Wenn die Drum- und Gitarren-Demos fertig sind, treffen wir uns für die Finalisierung in meinem Studio in den allgäuer Alpen und feilen es dann so lange, bis es uns schmeckt. Tatsächlich werden dort dann auch schon die finalen Vocals aufgenommen.

Ich muss zugeben, ich war echt erstaunt, wie brutal gut eure EP klingt. Dann habe ich gesehen, dass sich unter anderem Alexander Backlund (AT THE GATES, 1914, DARK TRANQUILLITY) dafür verantwortlich zeigt. Wie hat sich das ergeben? War das eine Kontaktaufnahme frei nach dem Motto "Mal schauen, was wird" - oder habt ihr euch von Anfang an Chancen ausgerechnet?

Julian: Ich hatte einen ganz speziellen Sound im Ohr, wie es dieses Mal klingen muss. Als ich die Bands aufgeschrieben hatte, die die letzten Jahrzehnte mein Mixing und Mastering-Herz erobert hatten, war es sehr einfach zu beantworten, auf welches Studio wir zugehen müssen. Alexander Backlund beziehungsweise das ganze Fascination Street Studio-Team haben nämlich fast alle davon gemixt und gemastered. Das hat uns die Suche nach dem richtigen Studio natürlich sehr vereinfacht.

Gibt es eigentlich Bands, die euch live so richtig begeistern, wo ihr euch sagt: Von denen möchten wir uns unbedingt eine Scheibe abschneiden?

Julian: Es gibt einige Bands, die mich begeistern und mich inspirieren, als Fan und als Musiker. Eine Scheibe abzuschneiden, ist aber nicht so mein Ding, ich denke, man fühlt sich enger mit Bands verbunden, die das Gleiche fühlen und verwendet automatisch ähnliche Muster. Genau dasselbe zu machen oder Teile zu kopieren, würde die Musikwelt zu generisch und gleich machen. Das sieht man zum Beispiel gut in neuen Metalcore-Playlists.

Kevin: Die gibt es immer wieder! Zuletzt so richtig begeistert hat mich MACHINE HEAD in Glasgow. Aber Julian sagt es schon ganz richtig: Würde ich versuchen deshalb wie Robb Flynn aufzutreten, würde mir das niemand abkaufen.

Wo wir gerade beim Thema live sind: Auf Konzerten passieren ja oft die wildesten Dinge. Was war bisher euer absolutes Konzert-Highlight oder ein Moment auf oder hinter der Bühne, bei dem ihr euch dachtet: Ist das gerade wirklich passiert?

Kevin: Zum Glück sind wir bisher von Totalausfällen verschont geblieben, aber erst dieses Jahr auf dem Sticky Fingers Festival hatte es eine Wespe während unseres Songs 'At Great Depth' auf meine linke Hand abgesehen. Um nicht in die Wespe zu greifen, musste ich immer wieder meine Hand vom Griffbrett nehmen und konnte manche Parts nicht vollständig spielen. Das war definitiv etwas, was ich nicht auf meiner "Dinge-die-live-schiefgehen-können-Liste" hatte. Auf dem Stickies spielen zu dürfen, würde ich ansonsten definitiv als eines unter vielen Highlights bezeichnen. [lacht]

Julian: Wir hatten eine Show, bei der mir zwei Becken gerissen sind, ich die Fußbodenplatte meines Pedals in zwei geteilt habe und im vorletzten Song nur noch einseitiges In-Ear-Signal hatte. Ich glaube, Kevin hatte an dem Abend durch den Moshpit vor der Bühne irgendwann sein eigenes Mikrofon in der Unterlippe. Manchmal läuft's.

Wo und wann kann man euch denn demnächst live erleben - stehen spontane Gigs an oder befindet sich das aktuell noch in der Planung?

Kevin: Weitere Konzerte sind definitiv bereits in Planung! Die werden demnächst über unsere Social Media-Kanäle angekündigt.

Die Veröffentlichung eurer EP steht erst noch an, daher greife ich vielleicht etwas weit vor: Aber gibt es schon grobe Pläne für die Zukunft? Werdet ihr an einer weiteren EP oder sogar am Debütalbum arbeiten?

Kevin: Das ist nicht weit vorgegriffen. Im Gegenteil. Wir befinden uns quasi schon wieder in der nächsten Songwriting-Phase, damit der nächste Release nicht allzu lange auf sich warten lässt! [lacht]

Julian: Ich arbeite zurzeit an dem Ausbau meines Studios, damit die nächsten Demos und Songs qualitativ noch ein Stück hochwertiger werden.

Nochmals vielen Dank für eure Zeit, es war mir eine große Freude und Ehre! Die letzten Worte gehören euch.

Julian: Checkt gerne unsere neuesten Musikvideos auf Youtube aus und kommentiert mit "brachial". Dankeschön, haut's rein!

Kevin: Vielen Dank für das Interview! ----------------------------------------

Ihr wollt REVANCHIST für ein Konzert anfragen oder euch akkreditieren? Kontakt über: booking@revanchist.de

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