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Die besten Album-Triples der Rock- und Metal-Geschichte: BRUCE DICKINSON

Ein Artikel von Blaze Breeg vom 18.07.2020 (2419 mal gelesen)

Einleitung


Wir schreiben das Jahr 1997. Der klassische Metal war nicht tot, aber Dauergast auf der Intensivstation. Nicht wenige hatten ihn bereits abgeschrieben und schon längst neue Liebschaften mit fragwürdigen Typen aus der "Grunge"- oder Spaßpunk-Clique begonnen. Manche hatten der härteren Stromgitarrenmusik sogar gänzlich den Rücken gekehrt, sodass alte Helden nur noch in kleinen Hallen vor einer deutlich dezimierten Fanschar ihre Achtziger-Gassenhauer zum Besten gaben. Tristesse pur!

Aber dann änderte sich alles. Wer nun an HAMMERFALL denkt, liegt nicht ganz daneben, allerdings auch bei weitem nicht richtig. Nein, ein Dissident musste den Weg zurück zum echten Stahl finden, um der darbenden Szene neues Leben einzuhauchen. Wobei, ein Dissident? Wohl eher: Der Dissident, es geht nämlich um Mr. BRUCE DICKINSON himself. Nach seinem von reichlich (medialen) Nebengeräuschen begleiteten IRON MAIDEN-Ausstieg im Jahr 1993 setzte sich die Air Raid Siren in Interviews meilenweit von ihrer Heavy Metal-Vergangenheit ab, lästerte ziemlich plump über den einstigen Anhang und experimentierte auf Alben wie "Balls To Picasso" (1994) sowie vor allem "Skunkworks" (1996) dementsprechend munter drauflos. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es existiert - bis zum heutigen Tage - kein schwaches BRUCE DICKINSON-Release, jedoch musste man anno 1997 konstatieren, dass es auch noch keinen Knaller in der damals drei Scheiben umfassenden Solo-Diskografie gab. Lediglich ein einzelner Track wie das in jeder Hinsicht überragende 'Tears Of The Dragon' (1994) hatte sich ohne Wenn und Aber die Höchstnote verdient.

Doch bevor Bruce dieses Qualitätsniveau auf Albumdistanz durchweg erreichen konnte, musste ein alter Weggefährte ins manchmal etwas orientierungslos dahinschippernde Boot geholt werden: Mr. Adrian Smith, der IRON MAIDEN bereits im Jahr 1989 verlassen hatte, sollte beim fulminanten Metal-Comeback des prominenten Abtrünnigen eine zentrale Rolle spielen. Um die Bedeutung dieser Kollaboration zu verdeutlichen, sei gesagt: Nur mit diesen beiden Akteuren waren die "Eisernen Jungfrauen" in den zurückliegenden Dekaden die unumstrittene Nummer Eins, "the special one" - ohne Bruce und Adrian führte Steve Harris nur eine von vielen gutklassigen Heavy Metal-Combos an. Sämtliche Langeisen zwischen "Seventh Son Of A Seventh Son" (1988) und "Brave New World" (2000) beweisen dies eindrucksvoll, die Paul Di'Anno-Ära ist ein Fall für sich, der hier nicht näher erörtert werden soll.

Accident Of Birth


Nun muss man fairerweise sagen, dass ein anderer Gitarrist auf "Accident Of Birth" objektiv betrachtet einen noch weitaus wichtigeren Beitrag geleistet hat, da Roy Z (bürgerlich Roy Ramirez, unter anderem TRIBE OF GYPSIES) nicht nur als Produzent geglänzt, sondern gleich neun der 13 Songs mit Bruce komponiert hat. Adrian war lediglich an drei Nummern beteiligt (alles bezogen auf die US- und Japan-Version, auf der Europa-Ausgabe fehlte leider 'The Ghost Of Cain'), aber allein dessen Präsenz und Saitenspiel haben das vierte Solo-Album der Air Raid Siren in ganz andere Sphären gehoben.

Es wäre im Übrigen nicht zutreffend, "Accident Of Birth" einfach den Stempel "Heavy Metal" zu verpassen. Klar, die Platte ist um Längen besser als alle IRON MAIDEN-Veröffentlichungen in den Neunziger Jahren und hätte daher dem Backkatalog von Steve und Co. sehr gut zu Gesicht gestanden. Allerdings wich BRUCE DICKINSON in vielen Songs (weiterhin) von der Erfolgsformel des NWOBHM-Flaggschiffs aus Ost-London ab - (zumindest teilweise) balladeske Nummern wie 'Taking The Queen', 'Man Of Sorrows' oder 'Arc Of Space' wären insbesondere vor der Reunion im Jahr 1999 dort nahezu undenkbar gewesen, von modernen Tönen wie im flotten Opener 'Freak' ganz zu schweigen. Nein, Bruce klang anno 1997 weitaus frischer und - im positiven Sinne - zeitgemäßer als der Ex-Arbeitgeber.

Nichtsdestotrotz sind auf "Accident Of Birth" einige der besten Metal-Songs zu hören, die Bruce je geschrieben und eingesungen hat: Allen voran 'Darkside Of Aquarius', 'Road To Hell' und der Titeltrack sind hier anzuführen. Aber auch das oben genannte, wunderschöne, hochemotionale, herzzerreißende 'Man Of Sorrows' darf hier nicht fehlen. Für mich eine BRUCE DICKINSON-Sternstunde, die sich sogar mit 'Tears Of The Dragon' messen kann - doch auf diese "Balls To Picasso"-Nummer komme ich gleich noch einmal ausführlich zurück.

A man of sorrows, racked,
With thoughts that dare not speak their name,
Trapped inside a body, made to feel only guilt and shame,
His anger all his life - "I hate myself!", he cried,
"Do what thou wilt!",
"Do what thou wilt!", he cried


Nicht unerwähnt bleiben soll hier das Kerngeschäft des Protagonisten: Bruce sang anno 1997 so überragend wie seit "Seventh Son Of A Seventh Son" nicht mehr. Gut, sein dreckiger Stil, den wir auf "No Prayer For The Dying" (1990) und "Fear Of The Dark" (1992) zu hören bekamen, passte perfekt zu Tracks wie "Be Quick Or Be Dead", aber letztendlich verkaufte sich Mr. Dickinson damals unter Wert. Spätestens mit 'Man Of Sorrows' bewies er, auch weiterhin eine Ausnahmeerscheinung in der illustren Dio-/Tate-/Halford-/Bush-Liga zu sein.

Insgesamt betrachtet zeigte "Accident Of Birth": Der klassische Metal durfte die Intensivstation einstweilen verlassen und auf seine Genesung hoffen. Er war noch lange nicht über'm Berg, aber beim Duo Dickinson/Smith, verstärkt vom grandiosen Roy Z, befand er sich in den allerbesten Händen.

The Chemical Wedding


Keine anderthalb Jahre nach "Accident Of Birth" folgte der nächste Streich: "The Chemical Wedding", abermals mit Roy Z in der oben beschriebenen Doppelrolle sowie Adrian Smith himself. Angesichts dieser Rahmenbedingungen konnte also gar nichts schiefgehen. Nun gibt es sicherlich zahlreiche BRUCE DICKINSON-Anhänger, die sich leidenschaftlich über die Frage streiten können, welches der beiden genannten Alben die Nase vorne hat. Ich muss zugeben, dass sich meine Antwort in unregelmäßigen Abständen ändert, weil wir es hier mit zwei Zehner-Platten zu tun haben, die damals alle anderen Genre-Releases in den Schatten stellten.

Die herausragende Klasse des 1998er-Outputs sticht dabei vielleicht noch etwas mehr ins Auge. Nur ein halbes Jahr zuvor hatten IRON MAIDEN mit "Virtual XI" nämlich die größte Bauchlandung ihrer Karriere erlitten. Um eines klarzustellen: Mein B4M-Alias legt den Schluss nahe, dass ich Blaze Bayley als Künstler und notorisches Stehaufmännchen enorm schätze. Aber bei den "Eisernen Jungfrauen" passte es einfach nicht, erst als Solokünstler sollte er ab "Silicon Messiah" (2000) beweisen, was wirklich in ihm steckte (Auflösung: sehr viel!). "Virtual XI" ist besser als sein Ruf, jedoch um Lichtjahre schlechter "The Chemical Wedding". Oder, um es noch drastischer zu formulieren: Bruce gab seinen ehemaligen Arbeitgeber nahezu der Lächerlichkeit preis - IRON MAIDEN spielten zu diesem Zeitpunkt zwei Ligen unter ihrem ehemaligen Frontmann, der spätestens 1998 bewies, dass er sich mit seinem Abgang fünf Jahre zuvor einen großen Gefallen getan hat. Bei Steve hätte er seine Kreativität in dieser Form niemals ausleben können.

Aber nun zur Musik: Es gibt Tage, an denen ich "The Chemical Wedding" für das stärkste BRUCE DICKINSON-Release halte, weil mir die Gitarrenarbeit noch ein bisschen besser gefällt - mit jedem Lead stellt Adrian seinen unschätzbaren Wert, für jede Band auf dieser Welt, unter Beweis. Wie auf dem Vorgänger war Letzterer an zwei Tracks der regulären Ausgabe als Songwriter beteiligt (hinzu kommt 'Return Of The King' von der Expanded Edition), die restlichen acht Nummern gingen auf das Konto von Bruce und Roy Z, mit zusätzlichen Credits für den englischen Schriftsteller William Blake (1757-1827, 'Jerusalem') und Bassist Eddie Casillas ('Book Of Thel'). Darüber hinaus tönt das fünfte Solo-Werk der Air Raid Siren deutlich metallischer als der 1997er-Output. Man könnte sagen, Bruce näherte sich seiner kurz zuvor noch verschmähten Vergangenheit weiter an. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn "The Chemical Wedding" klingt zu keiner Sekunde wie ein IRON MAIDEN-Abklatsch, sondern durchgängig wie ein modernes Heavy Metal-Album (man achte auch auf die recht tief gestimmten Klampfen), das zum Traditionsstahl steht, aber in stilistischer Hinsicht keine Scheuklappen trägt und auch mal etwas verträumter rockt (exemplarisch sei 'Gates Of Urizen' angeführt).

Wie "Accident Of Birth" enthält "The Chemical Wedding" keinerlei Ausfälle. Die Band musiziert auf einem schwindelerregend hohen Niveau, sodass es sehr schwierig ist, Highlights ins Rampenlicht zu rücken. Wenn man mich dazu nötigt, nenne ich den fantastischen Titeltrack mit seinem Jahrhundertchorus und das epische 'Jerusalem', dessen Text eine Adaption des wundervollen Blake-Gedichtes 'And Did Those Feet In Ancient Time' darstellt. Kostprobe?

And did those feet in ancient times,
Walk upon England's mountains green?
Was the holy lamb of God,
On England's pleasant pastures seen?

And did the countenance divine,
Shine forth on our clouded hill?
Was Jerusalem built here,
In England's green and pleasant land?


Generell sind die ziemlich dunklen, bisweilen mystischen und sehr poetischen Lyrics, in denen unter anderem der Okkultist Aleister Crowley (1875-1947) im Vordergrund steht, herausragend. In den Texten kann man stundenlang versinken, sodass die Scheibe nicht nur das Musikzentrum, sondern auch den Geist anspricht. So werden Klassiker für die Ewigkeit gemacht! Auch auf der lyrischen Ebene übertrumpfte Bruce IRON MAIDEN demnach im Ganzen gesehen, obwohl "Virtual XI" insbesondere mit 'The Clansman' wenigstens zeitweilig mithalten konnte. Aber eine textliche Peinlichkeit wie 'The Angel And The Gambler' findet man auf "The Chemical Wedding" zum Glück nicht.

Man kann schlussfolgern, dass BRUCE DICKINSON anno 1998 in kreativer Hinsicht auf dem Zenit war. Die Zusammenarbeit mit Adrian und Roy Z, damals auch erst 30, hatte ihn an die Spitze im Heavy Metal-Genre katapultiert - hier konnte niemand mithalten. Allerdings musste man gleichzeitig konstatieren, dass "The Chemical Wedding" wohl nicht zu toppen war. Nun, ein besseres Studioalbum sollte Bruce in seiner Karriere, die bereits ein Jahr später wieder vor allem im Zeichen der "Eisernen Jungfrau" stand, bis dato auch nicht mehr herausbringen. Aber im folgenden Jahr setzte er dennoch noch einmal Maßstäbe.

Scream For Me Brazil


I throw myself into the sea,
Release the wave, let it wash over me,
To face the fear, I once believed,
The tears of the dragon, for you and for me


Es ist völlig legitim, "Live After Death" als bestes IRON MAIDEN-Live-Album zu bezeichnen. Ich sehe das allerdings anders: "Rock In Rio" ist nämlich mein Favorit. Und das liegt nicht nur am exzellenten Songmaterial sowie der musikalischen Qualität der Protagonisten auf der Bühne, sondern gleichermaßen an der unbeschreiblichen Energie des komplett am Rad drehenden brasilianischen Publikums. Nun, wer "Rock In Rio" sagt, muss auch "Scream For Me Brazil" sagen. Bruce' Live-Dokument, aufgenommen am 25. April 1999 in Sao Paulo, wirkt fast wie eine Blaupause für die letztgenannte Platte. Die Fans feiern "Bruceeeh" wie einen Gott, singen dementsprechend jede Zeile leidenschaftlich mit und stacheln so die Musiker auf der Bühne zu Höchstleistungen an. Wer hier keine Entenpelle bekommt, sollte künftig Schlager hören.

Einen Makel hat "Scream For Me Brazil" jedoch: Wir bekommen nicht das gesamte 18 Songs umfassende Konzert zu hören. Allerdings genügen die zwölf ausgewählten Nummern komplett, um in Ekstase zu geraten. Der Schwerpunkt liegt, wenig überraschend, auf dem damals aktuellen Album "The Chemical Wedding" (sieben Songs), aber auch "Accident Of Birth" (drei Songs) und "Balls To Picasso" (zwei Songs) sind hier vertreten. Herausgefallen sind die IRON MAIDEN-Cover 'Powerslave', '2 Minutes To Midnight' und 'Flight Of Icarus' sowie neben 'Tattooed Millionaire' und 'Taking The Queen' ausgerechnet 'Jerusalem' - das nehme ich Mr. Dickinson ein wenig übel ...

Das Line-up der vorherigen beiden Studio-Platten stellte unter Beweis, auch live zur Heavy Metal-Weltspitze zu zählen. Besser geht es nicht: Kübelweise Spielfreude, dazu arschtight und am Mikro Mr. Bruce Dickinson, der als Sänger ab Ende der Neunziger Jahre einen zweiten Frühling erlebte, hört euch nur den Titelsong des 1998er-Outputs an. Der magische Moment ist jedoch ohne jeden Zweifel 'Tears Of The Dragon'. Schon auf "Balls To Picasso" war die komplett kitschfreie Powerballade ein Kracher, aber auf "Scream For Me Brazil" öffnete Bruce, gemeinsam mit den sangesfreudigen Fans, das Tor zum Metal-Himmel, um sich und den Song endgültig unsterblich zu machen. Auf "Rock In Rio" gelang ihm im Übrigen ein ähnliches Kunststück, als er das ursprünglich von Blaze Bayley eingesungene 'Sign Of The Cross' vom IRON MAIDEN-Album "The X Factor" (1995) dank seiner Herzblutperformance in ein zeitloses Meisterwerk verwandelte. Aber, und da lege ich mich fest, 'Tears Of The Dragon' ist Bruce' Signature-Live-Track, den jeder Fan kennen muss.

Als "Scream For Me Brazil" am 2. November 1999 erschien, war die Metal-Welt eine gänzlich andere als vor dem Release von "Accident Of Birth". Bruce und Adrian hatten bereits am 11. Juli mit den "Eisernen Jungfrauen" im kanadischen Saint John die The Ed Hunter Tour eingeläutet und die wichtigste Reunion der Heavy Metal-Geschichte besiegelt. Die Solo-Karriere von Bruce war noch nicht komplett vorbei, im Jahr 2005 erschien noch das starke "Tyranny Of Souls", aber IRON MAIDEN standen fortan wieder im Mittelpunkt - da blieb nicht mehr viel Raum für musikalische Solotouren.

Fazit


Es steht außer Frage: Ich danke den Metal-Göttern, dass Bruce und Adrian wieder mit Steve und Co. musizieren. Allerdings gibt es nichts "umsonst". Der Preis für diese Reunion war in erster Linie das Ende der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit von Mr. Dickinson mit Roy Z, die - wie oben geschrieben - nur im Jahr 2005 kurzzeitig und auch bloß halbherzig wiederbelebt wurde. Ich hoffe sehr, in den nächsten Jahren das Produkt einer Neuauflage in den Händen halten zu dürfen. Eine Tour wäre das I-Tüpfelchen, aber daran glaube ich erst, wenn ich in der ersten Reihe 'Tears Of The Dragon' mit einigen liebgewonnen BRUCE DICKINSON-/IRON MAIDEN-Maniacs schmettern darf.

Line-up auf allen drei Releases
Bruce Dickinson (Gesang)
Roy Z (Gitarre)
Adrian Smith (Gitarre)
Eddie Casillas (Bass)
David Ingraham (Schlagzeug)

Playlist
01. Darkside Of Aquarius
02. Man Of Sorrows
03. Accident Of Birth
04. Chemical Wedding
05. Jerusalem
06. Trumpets Of Jericho
07. Tears Of The Dragon (live, "Scream For Me Brazil")
08. Laughing In The Hiding Bush (live, "Scream For Me Brazil")
09. The Road To Hell (live, "Scream For Me Brazil")

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Wenn man nur nach Studioalben ginge, würde "Tyranny Of Souls" auch noch gut dazu passen. Finde auch großartig, wenn auch etwas inhomogen.
10/10   (26.07.2020 von des)

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