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Die besten Album-Triples der Rock- und Metal-Geschichte, Teil 1: MAGNUM

Ein Artikel von Blaze Breeg vom 10.02.2020 (2179 mal gelesen)

Vorgeschichte


Dank meiner Tätigkeit als Rezensent blicke ich seit einigen Monaten viel häufiger als in der Vergangenheit über den musikalischen Tellerrand. Insofern war mein Entschluss, mich diesem tollen Team hier anzuschließen, goldrichtig! Es ist großartig, nahezu im Wochentakt neue Künstler zu entdecken und sich mit Alben zu befassen, die man andernfalls vermutlich völlig übersehen hätte. Wenn ihr meine Reviews lest, stellt ihr fest, dass ich diesbezüglich durchaus begeisterungsfähig bin. Nichtsdestotrotz liebe ich es, über mehrere Tage oder sogar Wochen komplett in der Diskografie EINER Band zu versinken und alles andere (fast) vollständig auszublenden. Es ist ein großer Luxus, sich diese Zeit nehmen zu können. Musik darf nie zum Fast Food verkommen!

Wenn man manche Backkataloge immer und immer wieder hört, gibt es unweigerlich Schaffensphasen, die einem besonders gut gefallen. Schaffensphasen, in denen eine Band auf dem kreativen Höhepunkt war und einen echten Lauf hatte. Zwischen 1980 und 1988 traf dies zum Beispiel auf IRON MAIDEN zu. In diesem Special möchte ich mich mit solchen außergewöhnlichen Perioden in der Geschichte von Rock- und Metal-Bands beschäftigen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen. Der Fokus liegt dabei auf herausragenden Album-Triples, von denen es in der Musikgeschichte einige gibt, die es verdienen, in den Mittelpunkt gerückt zu werden. Das Ganze ist natürlich komplett subjektiv und hat nicht den Anspruch, allgemeingültig zu sein.

Den Auftakt bilden nicht die von mir enorm verehrten "Eisernen Jungfrauen", sondern deren viel weniger beachteten Landsleute MAGNUM.

Magnum


Den Hardrockern MAGNUM, gegründet im Jahr 1972, ist das Kunststück gelungen, kein einziges schwaches Studioalbum zu veröffentlichen. Zur Erinnerung: Das kürzlich veröffentlichte "The Serpent Rings" war bereits Longplayer Nummer 21! Wenn man nun noch bedenkt, dass Gitarrist Tony Clarkin - neben dem charismatischen Sänger Bob Catley das letzte verbliebene Gründungsmitglied - seit dem Debüt "Kingdom Of Madness" (1978) alle Songs im Alleingang schreibt, kann man nur sämtliche zur Verfügung stehenden Hüte ziehen (nur auf dem 1990er-Output "Goodnight L.A." traten einige Co-Autoren, darunter Russ Ballard, in Erscheinung).

Kurzum: Jedes Album der Truppe aus Birmingham ist hörenswert. Allerdings fällt es mir erstaunlich leicht, ein Album-Triple zu benennen, welches qualitativ aus dem schillernden MAGNUM-Backkatalog herausragt und das ich nicht zuletzt jedem Neueinsteiger als Startpunkt wärmstens ans Herz lege. Ich meine damit die folgenden drei Scheiben, die längst ein fester Bestandteil meiner musikalischen DNA sind: "On A Storyteller's Night" (1985), "Vigilante" (1986) und "Wings Of Heaven" (1988). Clarkin, Catley und Co. waren niemals besser als in ihrer AOR-lastigen Ära - doch der Reihe nach.

On A Storyteller's Night (45:45)

Line-up:

Bob Catley (Gesang)
Tony Clarkin (Gitarre)
Wally Lowe (Bass)
Mark Stanway (Keyboards)
Jim Simpson (Schlagzeug)

Singles:

'Just Like An Arrow'
'On A Storyteller's Night'

Wir schreiben das Jahr 1985. Welch ein grandioser Jahrgang: Allen voran ARMORED SAINT ("Delirious Nomad"), HELLOWEEN ("Walls Of Jericho"), RUSH ("Power Windows") und SLAYER ("Hell Awaits") hauten Platten raus, die mich bis zum heutigen Tage begeistern können. Aber DAS Highlight stellt für mich - inzwischen - das fünfte Studioalbum aus dem Hause MAGNUM dar. Da können alle anderen Bands einpacken - wobei RUSH sich tatsächlich nur ganz knapp hinter dem Quintett aus Birmingham einreihen müssen.

Wenn ich nur eine Scheibe aus dem Hause MAGNUM auf die berüchtigte einsame Insel mit Stromversorgung mitnehmen dürfte, wäre es dieses Meisterwerk. "On A Storyteller's Night" beginnt auch gleich mit einem echten Paukenschlag. 'How Far Jerusalem' ist meiner Meinung nach nämlich die beste Nummer, die Tony Clarkin jemals geschrieben hat: Eine melancholische Grundstimmung, ein atemberaubender Spannungsbogen, ein Jahrhundertrefrain, der auch nach 1000 Durchläufen rein gar nichts von seiner Intensität einbüßt und darüber hinaus ein Bob Catley in der Form seines Lebens - mehr geht nicht! Es liegt auf der Hand, dass dieser Opener wie der Titelsong, 'Les Morts Dansant' und 'All England's Eyes' bis zum heutigen Tage ein Dauerbrenner auf der Setlist ist. Die drei genannten Tracks sind fraglos weitere Glanzlichter des 1985er-Outputs, die bei vielen Konzertbesuchern regelmäßig für strahlende oder sogar feuchte Augen sorgen.

Wie oben bereits geschrieben, betraten MAGNUM mit dem ausgewählten Album-Triple AOR-Territorien. Diese stilistische Neuorientierung irritierte oder verprellte sogar manchen Alt-Fan, der die härter rockende Frühphase der Briten bevorzugte. Und ja, Songs wie die Single-Auskopplung 'Just Like An Arrow' oder 'Steal Your Heart' sind enorm radiokompatibel. Aber: Sie sind - wie zahlreiche ähnlich ausgerichtete Songs auf den folgenden Platten "Vigilante" und "Wings Of Heaven" - schlichtweg großartig. Selbst mit den US-amerikanischen AOR-Größen JOURNEY, SURVIVOR, FOREIGNER oder TOTO konnte sich Tony Clarkin damals in kompositorischer Hinsicht mühelos messen. Gewisse Parallelen zu RUSHs ebenfalls recht leicht zugänglichen, aber musikalisch hoch anspruchsvollen Geniestreichen in den frühen/mittleren 1980er Jahren sind unverkennbar. Des Weiteren ist anzumerken, dass MAGNUM - wie die drei Kanadier - ihren Zuhörern keine Zuckerwatte präsentierten: Das bereits erwähnte 'Les Morts Dansant' ist zum Beispiel ein bewegender Anti-Kriegssong mit sehr viel Tiefgang. Easy Listening geht anders! Das abschließende, tieftraurige 'The Last Dance' sorgt endgültig für einen fetten Kloß im Hals. Und genau DARIN liegt die große Stärke der Band: MAGNUM gehen, allen voran in den Jahren 1985 bis 1988, leicht ins Ohr, aber sie gehen noch viel stärker ins Herz des Zuhörers. Wenn sie einmal den Weg dorthin gefunden haben, bleiben sie dort auch. Es gibt kaum eine Band, die bei mir mit recht einfachen Mitteln solche tiefen Emotionen auslösen kann. Das ist wahre Songwriting-Kunst - von der Clarkin (ja, ich wiederhole mich) auch im 21. Jahrhundert nichts eingebüßt hat.

Vigilante(43:36)

Line-up:

Bob Catley (Gesang)
Tony Clarkin (Gitarre)
Wally Lowe (Bass)
Mark Stanway (Keyboards)
Mickey Barker (Schlagzeug)

Singles:

'Lonely Night'
'Midnight (You Won't Be Sleeping)'
'When The World Comes Down'

Ein Jahr später schockierten Clarkin, Catley und Co. jedoch ihre Fans: "Vigilante" verfügt nämlich über eines der kitschigsten - einige würden sagen hässlichsten - Cover aller Zeiten. Das prominent platzierte Einhorn, das zu allem Überfluss keinen Schatten wirft und im Vergleich zum Felsen daneben arg überproportioniert ist, ist schon recht gewagt. Das dominierende Rosa sorgt endgültig für einen Zuckerschock, von dem man sich erst einmal erholen muss. Und wisst ihr, was besonders schlimm ist? Mir gefällt das auch noch (einigermaßen)! Ha, jetzt ist es raus. Das nächste TWILIGHT FORCE-Review gehört wohl mir ... Wobei: Die Musik ist eindeutig besser - auch wenn das Jahr 1986 mit IRON MAIDENs "Somewhere In Time" und FIFTH ANGELs selbstbetiteltem Debüt zwei Releases zu bieten hatte, die ich noch mehr verehre. QUEENSRYCHES "Rage For Order" rangiert in meiner Gunst hauchdünn hinter "Vigilante". Dann kommt aber erst einmal gar nix mehr!

Heutzutage findet meist nur der gottgleiche Titelsong, der sogar 'How Far Jerusalem' das Wasser reichen kann, den Weg auf die Setlist. Aber das von QUEEN-Drummer Roger Taylor äußerst massenkompatibel, sprich extrem glatt produzierte, Studioalbum Nummer sechs der MAGNUM-Historie hat weitere Highlights zu bieten: 'Need A Lot Of Love' (WAS EIN REFRAIN!) und das rockige 'Back Street Kid' möchte ich an dieser Stelle hervorheben. Allerdings gilt beim gesamten Album-Triple, das ich mit diesem Special würdigen möchte: All killers, no fillers. Warum MAGNUM nicht spätestens nach dem Release von "Vigilante" die größten Hallen füllen konnten, bleibt eines der größten Rätsel der Musikgeschichte. Selbiges gilt im Übrigen in Bezug auf die oben angeführten US-Amerikaner FIFTH ANGEL mit ihrem damaligen Wundersänger Ted Pilot (heute als Zahnarzt tätig). Vielleicht haben die meisten Menschen einfach einen schlechten Geschmack? Gut, das ist reichlich selbstgefällig und polemisch. Aber das Melodieverständnis, das nicht zuletzt den 1986er-Output auszeichnet, ist faszinierend. Erfreulicherweise verfügen die Birminghamer auch anno 2020 über eine treue Fan-Basis, welche die Qualität der Diskografie zu schätzen weiß.

Wings Of Heaven (44:07)

Line-up:

Bob Catley (Gesang)
Tony Clarkin (Gitarre)
Wally Lowe (Bass)
Mark Stanway (Keyboards)
Mickey Barker (Schlagzeug)

Singles:

'Days Of No Trust'
'Start Talking Love'
'It Must Have Been Love'

Mit "Wings Of Heaven" konnten MAGNUM das schwindelerregende Niveau ihrer AOR-lastigen Ära halten. Die beiden populärsten Nummern, die weiterhin Stammgäste auf der Setlist sind, zeigen exemplarisch die Vielseitigkeit des Komponisten Clarkin auf: Das eingängige 'Wild Swan' ist dank seines umwerfenden Chorus einmal mehr ein verhinderter Nummer 1-Hit. Ganz anders sieht das jedoch beim über zehnminütigen 'Don't Wake The Lion (Too Old To Die Young)' aus: Hier haben wir es auf der lyrischen Ebene mit einer Art Fortsetzung von 'Les Morts Dansant' zu tun. In diesem ergreifenden Anti-Kriegssong, der musikalisch und textlich ganz, ganz tief unter die Haut geht, brilliert insbesondere Bob Catley - Gänsehaut galore! Ein weiteres Highlight ist für mich die erste Single-Auskopplung 'Days Of No Trust', die einen gesellschaftskritischen Text in ein chartskompatibles Gewand kleidet. Es ist eine Schande, dass diese Nummer seit einigen Jahren nicht mehr regelmäßig live dargeboten wird. Wobei dies natürlich für die Qualität der restlichen Diskografie, auch in der jüngeren Vergangenheit, spricht. Man kann es einfach nicht jedem recht machen.

"Wings Of Heaven" ist in puncto Charts-Platzierungen übrigens die erfolgreichste MAGNUM-Platte in deren Heimatland: Während sich die beiden Vorgänger im Vereinigten Königreich jeweils mit Platz 24 (unfassbar ...) begnügen mussten, schaffte es Studioalbum Nummer sieben auf Platz 5. Dass die Band selbst das gesamte Werk enorm schätzt, demonstrierte sie im Jahr 2008. Anlässlich des zwanzigsten Jubiläums wurde "Wings Of Heaven" komplett aufgeführt. Erfreulicherweise gibt es davon auch ein offizielles Live-Dokument, welches dem 1988er-Output ein verdientes, würdiges Denkmal setzte (darüber hinaus enthält die Doppel-CD auf Scheibe eins ein kleines Best Of, auf dem unter anderem 'How Far Jerusalem', 'All England's Eyes', 'Vigilante' und 'Back Street Kids' berücksichtigt wurden).

In meinem musikalischen Universum müssen sich MAGNUM 1988 erneut nur IRON MAIDEN mit "Seventh Son Of A Seventh Son" und diesmal ganz knapp QUEENSRYCHE mit dem Jahrhundertwerk "Operation: Mindcrime" geschlagen geben. CRIMSON GLORY spielen mit "Transcendence" objektiv betrachtet in einer ähnlichen Liga, berühren mich aber weniger als der Birmingham-Fünfer. Mit Bass hätten auch METALLICA mit "...And Justice For All" vielleicht noch eine ganz kleine Chance bei mir gehabt.

Fazit


MAGNUM sollten in der Zukunft noch viele sehr gute oder zumindest gute Alben aufnehmen. Allerdings schafften sie es nicht mehr, drei Mal nacheinander ein 10/10-Meisterwerk einzuspielen. Wenn "The Eleventh Hour" (1983) nicht an manchen Stellen ganz leicht schwächeln würde (trotzdem eine 9/10), wären es mit "Chase The Dragon" (1982) sogar fünf (!) Scheiben auf dem allerhöchsten Niveau - und spätestens dann hätte man sich in den 1980ern auf der qualitativen Ebene komplett auf Augenhöhe mit Steve Harris' NWOBHM-Kapelle aus Ost-London bewegt.

Ich hoffe, dass dieses Special manchen Leser ermuntert, sich intensiver mit Tony Clarkin, Bob Catley und ihren wechselnden Mitstreitern zu befassen. Um den Einstieg zu erleichtern, ein paar Tipps für eine Playlist, die sich aus acht Tracks des besprochenen Album-Triples zusammensetzt: 'How Far Jerusalem', 'Need A Lot Of Love', 'Wild Swan', 'Les Morts Dansant', 'Vigilante', 'All England's Eyes', 'Back Street Kids', 'Don't Wake The Lion (Too Old To Die Young)'. Anhören, genießen - und danach bitte alle drei Alben kaufen. Ihr werdet es nicht bereuen!

Hier geht's zur Spotify-Playlist zu diesem Special.

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