Counter-World Experience - Pulsar

Review von Metal Guru vom 21.10.2017 (2713 mal gelesen)
Counter-World Experience - Pulsar 'Jazz-Metal From Hell' - so kategorisieren COUNTER-WORLD EXPERIENCE aus Berlin ihre eigene Musik auf ihrer eigenen Website. Ja, Jazz aufgrund von abenteuerlichen Akkordfolgen, mitunter mysteriösen Melodien und stellenweise schrägen Soli lasse ich durchgehen, Metal wegen des (speziell Gitarren-)Sounds auch. Aber 'From Hell' halte ich für fragwürdig/fehl am Platze/falsch. Wenn ich allerdings 'Hell' durch 'Germany' ersetze, komme ich der gegenweltlichen Erfahrung (aka dem Musikstil der COUNTER-WORLD EXPERIENCE) einen bis drei Schritte näher: Akademisierter Jazz im Metallgewand oder metallische Musik mit Jazz-Attitüde, noch dazu 100% instrumental und dann auch noch aus deutschen Landen hat/hatte es noch/schon immer extrem schwer, national (oder gar international) anerkannt zu werden. Dabei ist die Band bereits seit 2004 aktiv und hat während dieser Zeit immerhin die vier Alben "Fraktal" (2004), "Leaving Lotus" (2006), "Metronomicon" (2009) und "Music For Kings" (2011) veröffentlicht, allesamt auf hohem bis höchstem musikalischen/technischen Niveau. Zwischen dem letzten und dem neuesten Album "Pulsar" liegen somit über fünf Jahre, die für eine nicht besonders populäre Band aus einem nicht besonders musikfreundlichen Land, noch dazu in einer nicht besonders massenkompatiblen Musiknische gefährlich, wenn nicht gar tödlich sein können ...

Drei Musiker plus Gelegenheitsgäste waren COUNTER-WORLD EXPERIENCE von Anfang an, wobei Obergegenweltler Benjamin Schwenen nicht nur sämtliche Gitarren und Gitarrensynthesizer bedient, sondern auch (fast) alle Kompositionen sowie die programmierte (Vor-)Produktion inkl. gar nicht mal so seltener Synthesizersequenzen verantwortet. Hinter der vollakustischen Schießbude (no Samples, no Trigger) sitzt nach wie vor Thorsten Harnitz, der zusammen mit Schwenen sozusagen die 'Ur-Gegenweltler' darstellt. Zu ihnen gesellt sich seit 2009 der tieftönende Sebastian Hoffmann, der den auf den ersten beiden Scheiben spielenden H. D. Lorenz (for reasons unknown) ablöste. Alle Beteiligten scheinen über einen ausgeprägten musiktheoretischen (und -praktischen) Jazzbackground zu verfügen, was sich insbesondere in den zahlreichen, nie sehr langen (mir persönlich aber zu kurzen) Soli widerspiegelt.

Elf Songs in siebenundvierzig Minuten und dreizehn Sekunden MIT (mal wieder) nichts- oder vielsagenden Titeln wie z. B. 'Elektra', 'Merak', oder 'Zaurak', aber (immer noch) OHNE jegliche Texte bietet "Pulsar". Das kompositorische und spielerische Niveau möchte ich nach wie vor als hoch bis sehr hoch bezeichnen, wobei mir die bisweilen konstruiert wirkenden Stolperrhythmen der Vergangenheit begradigt und auch das allzu selbstverliebte Sologepose zugunsten der eigentlichen Songs (Songs ohne Sings?) zurückgefahren vorkommen. Die Benennung einzelner Titel als Anspieltipps fällt schwer, aber wenn schon, dann vielleicht das alle Experience-Elemente enthaltende Eröffnungs- und Titelstück 'Pulsar'/Track 1, das weniger nebulöse, mehr meditative Mittelstück 'Nebula'/Track 6 und der fast schon thrashige Rausschmeißer 'Sirius'/Track 11. Alle Tracks mit Gastspielen externer Musiker (siehe hierzu auch den nächsten Absatz) sind allein aufgrund der zusätzlichen Sounds ebenfalls zu empfehlen.

Vier Gäste zählt die entsprechende Liste diesmal auf: Tom 'Fountainhead' Geldschlägel (bundloses Gitarrensolo auf 'Helios'/Track 3), Steve Di Giorgio/Ex-DEATH (bundloser Bass auf 'Alpha Serpentis'/Track 7), Hannes Grossmann (Schlagzeug auf 'Cygnus'/Track 10) und Christian Meyers (Trompete auf 'Bellatrix'/Track 2). Sie alle feinwürzen ein ohnehin geschmackvolles Musikmenü, das umso appetitlicher/bekömmlicher/gehaltvoller wird, je häufiger man es kaut/schluckt/verdaut. Warum sich die Band allerdings immer wieder FÜR Outside-Instrumentalisten und GEGEN Sänger/Sängerinnen entscheidet, gehört wohl zur gegenweltlichen Erfahrung. Und obwohl ich mir eine solche personelle Erweiterung sehr gut vorstellen könnte/wünschen würde, bezweifle ich dennoch, dass sie (die Erweiterung) COUNTER-WORLD EXPERIENCEs Popularität großartig steigern würde ...

Die Produktion lässt keine Wünsche offen: Vorhandene Dynamik wird gewissenhaft (also NICHT zu Tode) komprimiert, alle Instrumente tönen gleichberechtigt laut oder leise, offensichtlich 'echte' Becken und Trommeln klingen auffällig lange aus und der ziel-, zukunfts- und zwecklose Loudness War herrscht hier einfach (noch) nicht! Die Verpackung fällt gegenüber ihrem Inhalt deutlich ab: ein standardisiertes Jewelcase mit fotolosem Faltblättchen links und dunkel bedruckter Audio-CD rechts - im Jahre 2017 wirklich nichts Dolles. Na klar, die Gestaltung eines umsatzfördernden Umschlags für ein abstraktes Instrumentalalbum mit ebensolchen Titeln mag problematisch/schwierig/unmöglich sein, aber laut Bundesagentur für Arbeit, Mutti Merkel und anderen Profilügnern gibt es so etwas wie Probleme/Schwierigkeiten/Unmöglichkeiten in diesem unseren Land doch gar nicht (mehr), bestenfalls 'Herausforderungen' - sorry, ich schweife ab ...

"Pulsar" von COUNTER-WORLD EXPERIENCE entscheidet sich wie seine oben aufgezählten Vorgänger mal wieder nicht zwischen purem Jazz oder reinrassigem Math-Metal. Jazz-Traditionalisten könnte "Pulsar" zu gerade/zu konstruiert/zu metallisch/zu schwer/zu verzerrt sein, Metalheads zu abstrakt/zu instrumental/zu langsam/zu ungerade/zu verspielt. Wer also soll die Scheibe kaufen/lieben/vergöttern? Zum Beispiel Bassisten, Gitarristen und Schlagzeuger, die ihren Horizont erweitern wollen - oder Leute, die Namen wie ANIMALS AS LEADERS, (das ebenfalls deutsche) PANZERBALLETT und SCALE THE SUMMIT schon mal gehört und für gut befunden haben - oder Menschen, die keine trivialen Texte brauchen, um 'in Stimmung' (welcher Art auch immer) zu kommen ...

Gesamtwertung: 8.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
02. Bellatrix
03. Helios
04. Merak
05. Elektra
06. Nebula
07. Alpha Serpentis
08. Zaurak
09. Europa
10. Cygnus
11. Sirius
Band Website:
Medium: CD
Spieldauer: 47:13 Minuten
VÖ: 18.03.2016

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