Carnivore A.D. - Transmutation

Review von baarikärpänen vom 26.03.2026 (1012 mal gelesen)
Carnivore A.D. - Transmutation In der Zeit vor dem Internet (manchmal wünsche ich mir die tatsächlich zurück - zumindest ab und an) und als Mailorder, die sich dem Heavy Metal verschrieben haben, noch rar gesät waren, war der Gang zum Plattendealer des Vertrauens eine liebgewonnene wöchentliche Routine. Aber auch da lief nicht immer alles reibungslos. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich seinerzeit die neueste SLAYER erwerben wollte, Tom Araya kurz zuvor seine durchaus positive Meinung zu Pinochet kundtun musste und deswegen der Verkäufer im Laden, dessen Eltern vor dem Pinochet-Regime in Chile hatten fliehen müssen, sich schlichtweg weigerte, SLAYER weiterhin ins Regal zu stellen. Oder aber das Debüt von WEISSGLUT, für mich immer noch eine der besten Metal-Scheiben mit deutschen Texten, das aus dem Laden verbannt wurde, weil durchgesickert war, dass deren Sänger und seine privaten Ansichten selbst ultrarechte Nazi-Socken noch blass aussehen lies (was wohlgemerkt in den Texten der WEISSGLUT-Scheibe nicht zu erkennen war). Immerhin konnte ich das damals gut begründen, warum man mir die Scheibe doch - unter dem Ladentisch - verkauft hat. Das erste Erlebnis dieser Art hatte ich allerdings im Dezember 1985, die Band war CARNIVORE, die Scheibe das selbstbetitelte Debut.

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Im Metal Hammer, damals noch wichtiger als das noch in den Kinderschuhen steckende Rock Hard, waren Monate zuvor schon Bilder von CARNIVORE veröffentlicht worden. Drei martialisch aussehende Musiker, mit Fellen behängt, die direkt aus dem Mad Max-Film stammen könnten, ein atomar-postapokalyptisches Szenario, sowas hat seinerzeit, in der Hochzeit des kalten Krieges, getriggert. Und ja, beim Blick auf die Lyrics konnte man wirklich verstehen, warum man mir die Scheibe damals nur nach viel Betteln und dem Verweis auf die hunderte DM, die ich im Laden schon verpulvert hatte, bestellt hat. Frauenverachtend, primitiv, gotteslästerlich - kurz gesagt, es wurde bewusst kein Weg um, sondern gezielt der Weg in jedes erdenkliche Fettnäppchen gesucht. Dass genau das bei Bassist/Sänger Peter Steele Methode hatte und genau so als reine Provokation gewollt war, wurde spätestens mit dem Debüt "Slow, Deep And Hard" der Nachfolgeband TYPE O NEGATIVE (ein reinrassiges Übergangswerk zwischen CARNIVORE und dem, was später noch folgte), klar. Peter Steele hat später oft genug klargestellt, dass er kein Rassist war, kein Nazi, kein dämlicher Vollpfosten. Aber es geht ja hier nicht um TYPE O NEGATIVE oder Peter Steele im Speziellen. Dazu ist nun wirklich genug geschrieben worden. 1987 folgte noch das deutlich harcorelastigere (und nochmals mehr provozierende) "Retaliation", nach dem CARNIVORE auf Eis gelegt wurden. In den frühen 2000ern kamen noch einige Festivalauftritte der reformierten CARNIVORE mit Steele als einzigem verbliebenen Gründungsmitglied. Neue Musik erschien leider nicht mehr und nach dem viel zu frühen Tod von Steele 2010 schien es auch so, als ob es dabei bleibt, zumal bereits fünf Jahre zuvor Keith Alexander, Gitarrist auf dem Debüt, verstarb. Dem letzten verbliebenen, Drummer Louie Beateaux, ist es allerdings zu verdanken, dass 2017 mit CARNIVORE A.D. eine Band entstand, die das Erbe von Steele und Alexander weiterhin auf die Bühne brachte. Mit Sänger/Bassist Baron Misuraca (ex-SHEER TERROR) fand sich auch der bestens geeignete Frontmann, der glatt als Bruder von Steele durchgeht. 2022 stieg Beateaux wieder aus, ersetzt wurde er durch Joe Cangelosi (unter anderem KREATOR und WHIPLASH). Der Dreier war auch weiterhin aktiv mit der ausdrücklichen Unterstützung von Louie Beateaux, vorrangig aber damit befasst, Coverversionen der alten CARNIVORE-Songs live zu performen. Nun aber gibt es mit "Transmutation" tatsächlich eine erste EP mit eigenem Material, ebenfalls wieder mit dem Segen von Beateaux, der das auch treffend begründet: “Think of Carnivore AD as a renowned dining establishment where it's Chef passed on years ago but the recipes remain and folks still want to dine there instead of cooking the food themselves. And Chef Pete wouldn't mind because his friends are making it with love”.

Zieht man von den Songs auf der EP das Intro 'Prologue' ab, bleiben gerade mal vier Stücke, die es auf knappe 16 Minuten Spielzeit bringen. Man darf also vielleicht von einem ersten Appetithäppchen sprechen, das uns CARNIVORE A.D. hier kredenzen. Misuraca, Cangelosi und Gitarrist Chuck Lenihan (CRUMBSUCKERS) schaffen es tatsächlich, den Spirit von CARNIVORE einzufangen und mit eigenen frischen Ideen in die Jetztzeit zu transportieren. Stellvertretend dafür sei vor allem der Titelsong 'Transmutation' genannt, der sich viielleicht noch am ehesten mit dem Material des Debüts von CARNIVORE vergleichen lässt, angefangen beim thrashigen Hardcore über die doomigen Passagen. Das nachfogende 'I Stand Alone' hat dann weniger mit dem Debüt zu tun. Diese Walze von Song klingt vielmehr wie eine Mischung aus "Retaliation" und dem Erstling von TYPE O NEGATIVE. Ob das so geplant war? Es funktioniert aber vorzüglich. Mir liegen zur Zeit keine Informationen vor, wer das Songwriting erledigt hat, aber bei 'Social Decomposition' könnte man glatt auf Chuck Lenihan tippen, denn das klingt schon verdächtig nach CRUMBSUCKERS. 'Mine Is The Hand' beschließt diese kurzweilige EP und liegt rein musikalisch auch auf Line von "Retaliation". Natürlich klingt hier alles verdächtig nach den großen Vorbildern, aber dafür kann man CARNIVORE A.D. ja nun wirklich keinen Vorwurf machen bei diesem Bandnamen und dem Grund, warum es diese Band überhaupt gibt. Vielmehr sollte man die drei Musiker dafür loben, dass sie nicht nur einfach 1:1 kopieren, sondern dem ganzen Material auf "Transmutation" einen eigenen Twist verpassen. Oder um bei dem zu bleiben, was Louie Beateaux gesagt hat: "Die Rezepte bleiben die bewährten, aber natürlich wird ein neuer Chef seine eigene, ganz persönliche Note einbringen, ohne die Stammgäste zu enttäuschen. Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn sich CARNIVORE A.D. mehr in Richtung des Debüts orientiert hätten, aber das auch nur, weil mir "Retaliation" damals zu sehr Hardcore war, und im Endeffekt ist das auch nur Meckern auf hohem Niveau.

Der Anfang ist mit dieser EP gemacht. Wollen wir mal hoffen, daß CARNIVORE A.D. es nicht dabei belassen, sondern schon möglichst in naher Zukunft mit einem vollständigen Album aufwarten, denn so wie es CARNIVORE A.D. auf dieser EP machen, so huldigt man den Vorbildern und erweist ihnen seine Ehre. Die Songs dieser EP werden sich auf alle Fälle auf der Bühne gut zwischen den alten CARNIVORE-Stücken machen. Und damit ist klar, daß CARNIVORE A.D. ihr Ziel erreicht haben.



Gesamtwertung: 9.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Prologue
02. Transmutation
03. I Stand Alone
04. Social Decomposition
05. Mine Is The Hand
Band Website: www.facebook.com/CarnivoreAD/
Medium: EP
Spieldauer: 17:43 Minuten
VÖ: 27.03.2026

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