Jonas Lindberg & The Other Side - Time Frames

Review von baarikärpänen vom 22.01.2026 (723 mal gelesen)
Jonas Lindberg & The Other Side - Time Frames Ich hatte schon immer was für progressive Sachen übrig. Das fing früh mit YES, RUSH oder KANSAS an, zu Hochzeiten des Metals in den mittleren 80ern waren MARILLION eine willkommene Abwechslung, die ersten beiden Alben von DREAM THEATER sind immer noch willkommene Gäste auf meinem Plattenspieler, SPOCK'S BEARD haben mit 'Waste Away' einen Song im reichhaltigen Repertoire, der es immer noch schafft, mich - bei entsprechender Gefühlslage - zu Tränen zu rühren, NEAL MORSE kann eh machen, was er will und es wird immer großartig sein. Egal ob Progressive Rock oder Progressive Metal, es gibt beinahe monatlich neue Bands, die sich dem verschrieben haben. Segen und Fluch zugleich! Segen, weil es nie an Nachschub mangelt, Fluch, weil es immer schwieriger wird, dem Ganzen etwas Neues hinzuzufügen. So sind es denn am Ende des Tages die Nuancen, die darüber entscheiden, wie man ein Album aufnimmt. Das mag auch der Grund sein, warum mich in den letzten Jahren nur ganz wenige Truppen im Progressive Rock wirklich abgeholt haben, im Progressive Metal leider gar keine. Da wären zum Beispiel die Finnen OVERHEAD mit "Telepathic Mind". Aber auch im progressiven Rock wird es danach leider sehr sehr übersichtlich. Dachte ich zumindest, bis mich im Dezember des letzten Jahres ein Schwede namens Jonas Lindberg mit seiner Band JONAS LINDBERG & THE OTHER SIDE mit "Time Frames" fast schon aus den Schuhen gekickt haben.

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Warum mir Jonas Lindberg, der immerhin schon seit mehr als einem Jahrzehnt Musik veröffentlicht, bisher entgangen ist, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es einfach daran. dass Lindberg bisher ohne jegliche Unterstützung eines größeren Labels auskommen musste. Es mag sicher auch eine Rolle gespielt haben, dass Lindberg als Multiinstrumentalist die meisten Sachen alleine erledigt (hat). Es spricht aber für Jonas Lindberg, dass er sein Ego auch mal hinten anstellen kann, wenn es darum geht, ein tolles Album zu produzieren. So sagt er selbst über die Entstehung von "Time Frames", dass es für ihn ein Leichtes gewesen wäre, zum Beispiel alle Gitarren einzuspielen, er aber geradezu dankbar dafür ist, welchen Input die Gastmusiker eingebracht haben. Und Gastmusiker finden sich auf "Time Frames" eine Menge. Egal ob Sängerinnen und Sänger wie Jenny Storm und Jonas Sundqvist, die Gitarristen Calle Schönning, Nicklas Thelin oder Joel Lindberg, Drummer Jonathan Lundberg, Percussionistin Maria Olsson oder Violinistin Conny Lindgren, sie alle haben ihren nicht zu vernachlässigenden Anteil an der Güte des Gesamtwerks, auch wenn alle Stücke aus der Feder von Jonas Lindberg stammen. Der hat übrigens auf früheren Veröffentlichungen bewiesen, dass er nicht nur ein erstklassiger Musiker ist, sondern auch ein mehr als talentierter Designer für Coverartworks. Schaut euch einfach mal auf Bandcamp die Artworks für "Pathfinder" oder "The Other Side" an.

Vier Jahre hat es nach dem mehr als positiv aufgenommenen "Miles From Nowhere" gedauert, bis das neue Album fertig war. Lindberg liefert auch gleich eine Begründung für die etwas längere Wartezeit. "Miles From Nowhere" entstand während der Pandemie, alle beteiligten Musiker hatten jede Menge Zeit. Beim Nachfolger entstand alles in verschiedenen Zeitfenstern, daher auch der sehr treffende Titel des Albums "Time Frames". Nachdem ich "Time Frames" entdeckt hatte, habe ich (natürlich) auch "Miles From Nowhere" angetestet. Wirklich ein feines Scheibchen, aber vielleicht ist es der genau zuvor beschriebene Umstand, der "Time Frames" nochmal eine Ecke beeidruckender macht. Da hat jemand die Zeit wirklich gut genutzt. Natürlich ist alles auf "Time Frames" progressiv, von der ersten bis zur letzten Note, aber schon das eröffnende und mehr als zwölf Minuten lange 'End Of The Road' hat dieses gewisse Etwas, das mir persönlich auf "Miles From Nowhere" noch gefehlt hätte. Grandios, wie JONAS LINDBERG & THE OTHER SIDE progressive "Gefühlswelten" mit einem beinahe schon poppigen Flair versehen. Das schwebt geradezu und obendrauf gibt Jonas Sundqvist eine beeindruckende Vorstellung am Mikro. Dieses Gefühl verstärkt sich nochmals beim direkt nachfolgenden 'Someone Like Me', musikalisch eine völlig andere Baustelle, wo auch Jonas Lindberg demonstriert, dass er nicht nur an Bass, Gitarre, Mandoline, Ukulele oder Keyboards glänzt, sondern auch ein toller Sänger ist. Ganz fein übrigens auch die Percussions am Ende des Songs, die mich tatsächlich sogar an RUNRIG erinnern. Warum auch immer, aber 'Faces Of Stone' habe ich beim ersten Hören sofort gedanklich als den Spanien-Song einsortiert. Vielleicht liegt es an den Gitarren, denn ansonsten hat das Stück recht wenig mit der iberischen Halbinsel zu tun? 'Faces Of Stone' ist ein absoluter Grower, der mit jedem Durchgang wächst. Stark hier wieder Jonas Sundqvist am Mikro. Es verwundert nicht, dass ein Song mit dem Titel 'Galactic Velvet' mit sphärischen Keyboards beginnt, bevor er sich zur wahren Achterbahn der Gefühle wandelt. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil, neben der Musik, hat daran Sängerin Jenny Storm, deren Leistung bei mir an manchen Stellen zu Gänsehaut geführt hat, einmal zerbrechlich, dann wieder stark und voluminös. Und wieder diese feinen Percussions. Weiter geht die Reise mit dem als Single ausgekoppelten Instrumental 'Gruvan'. wieder so ein Stück, das ich beim ersten Hören mit einem Tag versehen habe, nach Spanien dieses mal "Mike Oldfield meets David Gilmour". Auch wenn 'Gruvan' zunächst mal etwas unspektakulär startet, entwickelt es sich spätestens nach der Hälfte zur Machtdemonstration in Sachen Songwriting im progressiven Rock. 'Running Out Of Time' ist dann wiederum ein gutes Beispiel dafür, wie gut Jonas Lindberg einem durch und durch progressiven Song diese gewisse poppige Note verpassen kann, ohne dem Song an sich auch nur eine Prise seiner Großartigkeit zu nehmen. Den Abschluss der Scheibe bildet das mit über 17 Minuten Spielzeit epische 'The Wind'. Und episch ist an diesem Stück wirklich alles. Beginnend beim Anfang des Songs über das Wechselspiel am Mikro von Jonas Lindberg, Jonas Sundqvist und Jenny Storm, den verschiedenen musikalischen Teilen, die sich nahtlos zusammenfügen, bis hin zu dem großen Finale. Man reibt sich verwundert die Augen und kann kaum glauben, dass da gerade 17 Minuten vergangen sein sollen. Kann man jemandem, der dafür zuständig ist, einen solchen Song zu schreiben, ein größeres Kompliment machen?

"Time Frames" ist in meinen Ohren wirklich ein kleines Meisterwerk, welches in großartiger Art und Weise progressives Songwriting mit einem fast schon beschwingten und lockerflockigen Flair kombiniert. Vielleicht liegt es an der schwedischen Herkunft? Das Land ist ja durchaus dafür bekannt, einige der besten Bands in Sachen Melodic Rock oder Melodic Metal hervorgebracht zu haben und das scheint ja sogar in der schwedischen DNA verankert zu sein. Das größte Plus ist für mich aber, dass man "Time Frames" trotz seiner unbestreitbaren Prog-Basis und im Gegensatz zu vielen anderen Alben anderer Truppen, die manchmal stressig sein können, in einem Rutsch durchhören kann und einfach ein wohliges Gefühl dabei spürt. Mich erinnert "Time Frames" an vielen Stellen an das gnadenlos unterschätzte "Talk" von YES aus dem Jahr 1994. Hinweisen möchte ich euch aber am Ende noch auf die geplante Veröffentlichung des Albums auf Vinyl. Dafür hat Jonas Lindberg auf der Homepage der Band einen Fundraiser eingerichtet. Sicher, die gewünschten 50€ sind sicher eine zunächst stolz erscheinende Summe, dafür bekommt man aber einiges an Gegenwert. Es wäre toll, wenn möglichst viele Jonas und seine Seite besuchen könnten. Von meiner Seite gibt es für mein erstes Highlight im neuen Jahr die volle Punktzahl.



Gesamtwertung: 10.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. End Of The Road
02. Someone Like Me
03. Faces Of Stone
04. Galactic Velvet
05. Gruvan
06. Running Out Of Time
07. The Wind
Band Website: www.facebook.com/jonaslindbergotherside
Medium: CD, Digital
Spieldauer: 69:34 Minuten
VÖ: 07.11.2025

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