Avkrvst - Waving At The Sky

Review von Chaosswampchicken vom 13.07.2025 (11569 mal gelesen)
Avkrvst - Waving At The Sky Mit ihrem Debüt "The Approbation" meldeten sich AVKRVST 2023 als frische Stimme innerhalb der norwegischen Prog-Szene zu Wort - einer Szene, die seit Jahrzehnten von klanglicher Experimentierfreude, nordischer Melancholie und einer gewissen Düsternis geprägt ist. Die Band, gegründet von Simon Bergseth und Martin Utby, die seit der Kindheit eng befreundet sind, verband düstere Atmosphäre mit einem ausgeprägten Gespür für Dynamik, Struktur und Melodie - irgendwo zwischen der Fragilität skandinavischer Melancholie und der Wucht moderner Prog-Metal-Giganten. Bands wie AIRBAG, LEPROUS oder WOBBLER zeigten gerade in den letzten Jahren, dass Norwegen längst nicht nur das Land des Black Metal ist, sondern auch Heimat einer modernen, oft introspektiven Form des Progressive Rock. AVKRVST reihten sich mit ihrem Erstling nahtlos in diese Linie ein, mit einem Sound, der KING CRIMSONs strukturelle Tiefe mit der emotionalen Dringlichkeit von Bands wie RIVERSIDE oder OPETH verbindet. Zwei Jahre später erscheint nun das Folgewerk "Waving At The Sky" - und es wird schnell deutlich, dass sich die Band nicht auf ihren Erfolgen ausruht. Vielmehr ist es ein Werk, das von Reife, Weiterentwicklung und einer klareren künstlerischen Vision zeugt. Die Produktion ist nuancierter, das Songwriting mutiger, die Arrangements dichter. AVKRVST bleiben dabei ihrer Handschrift treu - zwischen dunklen Stimmungen, kraftvollen Riffs und feinfühliger Instrumentierung - und schärfen gleichzeitig ihr eigenes Profil in einem Genre, das allzu leicht in epische Routine verfallen kann. Mit dem neuen Longplayer "Waving At The Sky" probieren AVKRVST nun, ihren Platz in der norwegischen Prog-Landschaft nicht nur zu behaupten, sondern weiter auszubauen und damit zu wachsen, musikalisch, aber auch als Band selbst.

Norwegische Finsternis: Die wahre Geschichte hinter dem Konzeptalbum


"Waving At The Sky" ist weit mehr als nur ein Album - es ist ein düsteres, tief persönliches Konzeptwerk, das auf wahren Begebenheiten beruht. Die verstörende Geschichte basiert auf erschütternden Ereignissen, die sich im ländlichen Norwegen zutrugen, als die Begründer der Band Simon Bergseth und Martin Utby noch Kinder waren. Die sieben Tracks sind inspiriert von dieser grausamen Familientragödie, in der es um Kindesmissbrauch, Schmerz und inneren Zerfall geht - so dunkel und beklemmend, wie es nur sein kann. Diese Thematik spiegelt sich nicht nur in der Musik wider, sondern auch im Artwork: Das Albumcover erinnert an das Filmposter von Darren Aronofskys Psycho-Horrorfilm Mother! (2017) - ein visuelles Echo, das bewusst gewählt wurde. Wie der Film, so führt auch "Waving At The Sky" seine Hörer in eine klaustrophobische, psychologisch aufgeladene Welt, aus der es kein Entkommen gibt. Die Musik begleitet den inneren Abstieg des Protagonisten, schwankt zwischen Zorn und Leere, zwischen explodierender Wucht und zerbrechlicher Stille. Das Cover ist dabei nicht bloß ein visuelles Beiwerk, sondern eine Vorwarnung: Wer dieses Album betritt, begibt sich auf eine Reise in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele.

Der Einstieg in die düstere Klangwelt von "Waving At The Sky" beginnt mit dem instrumentalen Stück 'Preceding'. Getragen von einem pulsierenden Bass, entfaltet sich eine ruhige, beinahe schwebende Atmosphäre, die als Vorbote für das Kommende dient. Dieser sanfte Auftakt trügt jedoch - denn mit 'The Trauma' folgt unmittelbar ein Bruch: Der Song wirkt ungestüm, aufgewühlt und bringt ein starkes Gefühl der Unruhe mit sich. Wie der Titel bereits andeutet, brechen hier die Spannungen an die Oberfläche. AVKRVST gelingt es, eine dichte, fast greifbare Beklemmung zu erzeugen, ohne auf Dynamik zu verzichten. Zwischen eruptiver Lautstärke und zurückgenommenen, fast introspektiven Momenten entsteht ein ständiges Wechselspiel - ein Klangbild zwischen Wucht und Wehmut, das die innere Zerrissenheit des Albums spürbar macht. Besonders die von Bergseth gesungenen Texte ("God, please let me / Out of this loathsome life / Godforsaken times / Oh, please let me die") schaffen es noch mehr, in einem diese Gefühle von Verzweiflung auszulösen, ganz im Sinne dieser schweren Thematik, die dieses Konzeptalbum umgibt.

'Families Are Forever' ist mehr als nur ein weiterer epischer Track auf "Waving At The Sky" - er markiert einen zentralen Moment im narrativen Verlauf des Konzeptalbums. Das Stück spiegelt, wie schon erwähnt (zu Anfang der Review), die zerrüttete Realität einer Familientragödie wider, die sich - wie das gesamte Album - auf wahre, erschütternde Ereignisse aus der Kindheit der Bandmitglieder stützt. Musikalisch beginnt der Song mit verhaltener Spannung: Das Tempo wird gedrosselt, der Bass pulsiert bedrohlich unter der Oberfläche, während sich über melancholischen Gitarrenflächen und flirrenden Keyboards eine beklemmende und dunkle Stimmung aufbaut. Der Gesang bleibt in den Strophen bewusst zurückhaltend, fast entrückt - bis der Refrain eine melodische Öffnung schafft, die wie ein verzweifelter Ruf in der Dunkelheit wirkt. Doch das Stück bleibt nicht in Harmonie gefangen: Mit dem plötzlichen Einbruch rauer Growls wird das fragile Gleichgewicht gestört. Die düstere Geschichte bricht in den Klang ein - greifbar, bedrohlich, verstörend. Dieses Spiel mit Kontrasten, zwischen sanfter Melancholie und innerer Zerrissenheit, verleiht dem Song eine beunruhigende Tiefe, die durch ein ergreifendes Gitarrensolo weiter verdichtet wird. 'Families Are Forever' steht damit sinnbildlich für das gesamte Album: ein klangliches Spiegelbild traumatischer Erinnerungen, kunstvoll verpackt in progressiven Strukturen und emotionalem Detailreichtum.

Vom Debüt zur Dunkelheit - AVKRVST arbeiten an Entfaltung ihres Potenzials


Mit 'Conflating Memories' verlässt das Album seine metallischen Wege und tritt hinaus in ein fragiles Zwielicht. Der Song schwebt wie ein verlorener Gedanke durch den Raum - seine Melancholie wirkt fast greifbar, tief verwurzelt in jener zerbrechlichen Schönheit, die einst OPETH mit 'Damnation' einfing. Durch das Unterholz ziehen durchaus öfter die Schatten ruhiger OPETH-Stücke, begleitet von sanften Melodien, flüchtigen Gitarrenlinien und einem unheimlich flüsternden Flötenintermezzo, das wie eine ferne Kindheitserinnerung erklingt. Der Gesang jedoch bleibt in den Strophen blass, tastet sich vorsichtig durch den dichten Nebel des Arrangements, ohne je ganz darin anzukommen. Auch wenn man im Verlaufe dieses Machwerkes öfter den Gedanken bekommt, das dieses Stücke von dem ein oder anderen Künstler inspiriert ist (was es natürlich ist), schaffen es AVKRVST jedoch meistens, ihren eigenen Stil nicht zu verlieren, sondern mit den Inspirationen auf ein anderes Level zu heben. Der Drum-Sound hier ist markant und präzise, doch der Gesang bleibt - wie schon angeschnitten - eher blass und schwer greifbar. Auch wenn der Refrain stärker wirkt, bleibt der Song insgesamt etwas unfokussiert: Ideen kommen auf, verschwinden wieder, ein paar Passagen wirken eher angefügt. Gerade das eher unspektakuläre Ausfaden am Ende lässt den Eindruck zurück, dass hier Potenzial liegen blieb. Jedoch - mit den vorangegangenen Tracks im Rücken - merkt man klar, dass die Band daran arbeitet, ihr Potenzial mehr zur Geltung zu bringen. Auch in den upbeat-orientierten Momenten verliert das Album nicht seine düstere Grundfarbe - wie ein dunkler Schatten, der sich über jede Hoffnung legt.

Besonders hervorheben möchte ich den folgenden Track 'The Malevolent', der nicht nur zu den eingängigeren und stärkeren Songs des Albums zählt, sondern auch durch prominente Unterstützung durch Ross Jennings, Vocalist der englischen Prog Metal-Band HAKEN, auffällt - dieser leiht dem Stück seine Stimme. Sein Gastbeitrag bringt dem vielschichtigen Song zusätzliche Tiefe. Getragen von cleanen Melodien, gewinnt der Chorus an Kraft und wirkt fast wie ein Hoffnungsschimmer mitten im Dunkeln. Der das Album schließende Titeltrack 'Waving At The Sky' - mit über zwölf Minuten ein ausgewachsenes Epos - beginnt akustisch, beinahe schon idyllisch. Steven Wilson schreitet ein letztes Mal durch die norwegische Tundra, bevor sich neoproggige Synths und Growls die Hand geben. Nun übernehmen neoproggige Synths, dunkle Growls und schwere Gitarrenriffs das Geschehen - ein Klangbild, das sich zwischen Melancholie und Dramatik aufspannt. Es zeigen sich hier viele der Stärken des Albums: Atmosphäre, musikalischer Ideenreichtum und emotionale Spannweite. Selbst in den lichteren Momenten bleibt die Grundstimmung düster, getragen von dem Gedanken, dass selbst Licht manchmal nur ein Echo der Dunkelheit ist. Dennoch wirkt das Epos in seiner Struktur stellenweise etwas überladen, beinahe fragmentarisch, als würden zu viele Einfälle um ihren Platz ringen. Auch der Gesang bleibt ein zweischneidiges Schwert: Während einzelne Passagen überzeugen, fallen gerade die Wechsel zwischen ruhigen und harschen Parts in ihrer Wirkung ab. Am Ende bleibt ein Stück, das mehr will, als es zu fassen vermag - aber gerade darin auch einen eigenwilligen Reiz entfaltet.

Fazit


Mit "Waving At The Sky" legen AVKRVST ein Werk vor, das klanglich tiefer gräbt, emotional weiter greift und kompositorisch mutiger wirkt als ihr Debüt. Die Norweger setzen auf cineastische Düsternis, komplexe Arrangements und melancholische Tiefe - und beweisen dabei, dass sie die Sprache des modernen Prog durchaus beherrschen. Was dem Album noch fehlt, ist jener unverkennbare Stempel, der die Band dauerhaft vom breiten Feld ihrer stilistischen Vorbilder abhebt. Doch der Weg ist erkennbar: "Waving At The Sky" ist kein Schritt zurück, sondern einer in die richtige Richtung.

Gesamtwertung: 8.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Preceding
02. The Trauma
03. Families are Forever
04. Conflating Memories
05. The Malevolent (feat. Ross Jennings)
06. Ghosts of Yesteryear
07. Waving at the Sky
Band Website:
Medium: CD, LP, Digital
Spieldauer: 45:20 Minuten
VÖ: 13.06.2025

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