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The Committee - Utopian Deception

Review von Humppathetic vom 21.07.2020 (663 mal gelesen)
The Committee - Utopian Deception Brace yourselves, this is gonna be long ...

Beständigkeit. Ein zwar ziemlich dröges Wort, aber doch ein passendes, wenn es darum geht, THE COMMITTEE als Band, als Kollektiv zu beschreiben. Die Band, die es zwar seit 2007 gibt, die aber erst im Jahr 2013 zum ersten Mal musikalisch auf sich aufmerksam machte, und zwar in Form der EP "Holodomor" (der aus dem Ukrainischen stammende Begriff, der wortwörtlich "Tötung durch Hunger" bedeutet, bezeichnet die Hungersnot in eben der Ukraine in den Jahren 1932 und 1933, der eine Zwangskollektivierung durch die Sowjetunion vorausging - ob diese Katastrophe, wie von der Ukraine seit ihrer Wiedervereinigung 1991 als überall verankertes Faktum angestrebt (und offensichtlich zu erkennen im Begriff, der dezidiert von "Tötung (!) durch Hunger", nicht von "Tod durch Hunger" spricht), ein Genozid war, ist bis heute in der Wissenschaft umstritten. Nur kurz eingeschoben: Allein durch die Wahl des mit völkischem Schicksal und politischer Aufladung vollgesogenen Begriffs als Titel des Debüts und meine langwierige, von Kleist'sche Erklärung desselbigen dürfte klar sein, warum dieses Review ein wenig länger geraten könnte - und warum ich mir bis heute Zeit nehmen musste (!), dieses Review in Angriff zu nehmen, denn die Musik und ihr Kontext, wie auch die Band als Kollektiv und Kunst sind es wert, dass man sich ihr mit gebührendem Respekt nähert und gewisse Details, die sonst vielleicht weniger Einzug in eine Kritik fänden, nicht ausspart, sondern ausdrücklich erwähnt.

Aber zurück zum Begriff Beständigkeit. Der ist, lieber Leser, sei unbesorgt, ganz simplen Ursprungs: Man ist als Band, die zu Teilen aus Osteuropa stammt und deren Texte sich zu noch größeren Teilen diesem Winkel der Erde verschreiben, gewissermaßen das Gegenstück zum unsteten Leben - eben insbesondere in Osteuropa. Die Ukraine gerät unter Druck (ironischerweise abermals durch den Nachbarn aus dem Osten), andere Länder des ehemaligen Ostblocks (nicht nur dort, aber auch) fallen rechten Hetzern und christlichen Fundamentalisten anheim, die sich unter anderem Nergal von BEHEMOTH zur Brust nahmen (es dürfte kaum Zufall sein, dass THE COMMITTEE in dem Jahr gegründet wurden, als in Polen das sogenannte All-Polish Committee For Defence Against Sects mehrere Bands, unter anderem eben BEHEMOTH, als Satanisten und potenzielle Mörder von polnischen Politikern brandmarkte), und nebenbei wird es bald wohl auch noch 365 BATUSHKAs geben; eine für jeden Tag des Jahres mit einer zu hoher Wahrscheinlichkeit fortschreitenden Abnahme der zu hörenden Qualität. Kurzum: Während überall Bewegung, geradezu Chaos herrscht, waren und sind THE COMMITTEE immer so was wie der Fels in der Brandung. Man besteht seit Begründung so ziemlich aus denselben Musikern. Man ist seit dem ersten Album von 2014, "Power Through Unity", bei Folter Records unter Vertrag. Man kredenzt auf jedem Album sechs Songs. Und man bringt alle drei Jahre ein neues Album heraus. So ergibt es sich also - den mathematisch begabten Lesern ist es wohl schon aufgefallen - dass wir wieder einmal dieses bestimmte dritte Jahr haben, und natürlich gibt es mal wieder was auf die Ohren. "Utopian Deception" heißt das Werk, benannt nach dem ersten Song des Debüts, und ich darf bereits hier verraten: Es ist ein sehr gutes Album geworden.

Die vier Musiker, die aus allen Teilen Europas stammen, für Black Metal recht amüsant-humoristische Pseudonyme haben (mein Favorit ist wohl Igor Mortis) und bis auf ein Mitglied alle zu 100% anonym sind (und auch bei dem einen Mitglied sind es nur Vermutungen, wer es denn sein könnte), hauen uns mal wieder dieses spezielle Langeisen vor den Latz in der Art, wie es meines Erachtens, zumindest momentan, nur sie können. Bereits 'Awakening - Unimaginable' führt uns als Hörer in das Herz sowjetischer Mythen und Klänge und, wie es der Titel des Albums ja bereits vorgezeigt hat, die Band selbst wiederum zurück zum Anfang. Man singt erstmals seit "Power Through Unity" wieder auf Russisch und bedient sich wieder einer wenigstens in Russland bekannten Melodie und des Textes dazu - dies tat man damals im Song 'Katherine's Chant', als man das Liebeslied 'Katjuscha' textlich und musikalisch zitierte. Dieses Lied, hier namentlich kaum bekannt, war und ist in Russland so populär, dass es sogar als Pate für einen Raketenwerfer herhalten musste. Das nennt man dann wohl "From Russia With Love", aber ich schweife ab. Das Titellied der Serie "Guest From The Future", komponiert von Yevgeny Krylatov, steht als Inspiration respektive direkter Ideengeber für die zweite Hälfte des Liedes zur Verfügung. Der Anfang allerdings ... beim Anfang horcht ein jeder Kenner des Black Metals auf. Es wird sich direkt und unverhohlen auf 'Freezing Moon' von den legendären MAYHEM bezogen. Die Ähnlichkeit ist dabei so frappierend, dass man der Band kaum geistigen Diebstahl vorwerfen kann. Man huldigt schlicht dem westlichen Black Metal, während man nur vier Minuten später ein Sowjet-Lied erklingen lässt. THE COMMITTEE als Botschafter der Völker. Und da mir dieser schlechte Witz nicht genug ist, folgt noch ein Kalauer sprachlichen Ausmaßes: Da man als Botschafter verstanden werden möchte, entschloss man sich, dem neuen Werk einen ungewohnt klaren Klang überzustülpen. Der dumpfe Sound der Vorgänger weicht einem jetzt, nun ja, halt klareren. Entschuldigung, auch mir gehen irgendwann die Synonyme aus. Dagegen fällt 'Lexi-Con - Radical' geradezu simpel zu beschreiben aus. Der Song ist einfach sieben Minuten lang erhaben und groovig. Ups, das ging jetzt mal schnell vonstatten. Es muss ja auch nicht alles Hochkultur sein.

Danach folgt allerdings der meines Erachtens einzige kleine Dämpfer der Platte. Auch nach mehrmaligem Hören kann ich 'Infection - Sensible' nicht wirklich viel abgewinnen - oder sagen wir es anders: nicht so viel wie dem hochqualitativen Rest. Das heißt dementsprechend natürlich nicht, dass der Song schlecht ist. Er hält schlicht nicht mit dem Niveau der restlichen Platte mit.

'Harrowing The Sane - Popularization...' fällt auf, und das positiv, mit einer geschmeidigen IMMORTAL'schen Attitüde im Riffing und einer Art Basssolo (Seeelefanten mögen solche Wörter), wohingegen das nachfolgende 'Ossification - Law' mal wieder ein russisches Lied zitiert. Diesmal ist es das wahlweise als 'White Army, Black Baron' oder 'The Red Army Is The Strongest' bekannte Marschlied, das als Hymne, Ansporn, Inspiration für die Rote Armee im Russischen Bürgerkrieg dienen sollte. Wie auch schon in 'Awakening - Unimaginable' ist die Umsetzung hervorragend gelungen, wodurch die Musik, wie für mich sonst keine im Metal, Emotionen erweckt und den Hörer nahezu in romantisch verklärter Glückseligkeit wiegt. Dieser garstige Klang kann doch so wunderschön sein.

Abgeschlossen wird das im Vergleich zu den Vorgängern leicht kürzere Werk - definitiv ein Positivum - von 'Ashes - Norm', das mich aufgrund des Rauschens der Wellen und der schrägen Töne einer äußerst überraschenden Slide-Gitarre - so wirr diese Verbindung jetzt klingen mag - an "The Lighthouse" erinnerte. Ja, richtig. An den Film. Ich schrieb es schon einmal: Ich bin wohl einfach etwas deppert im Gehirn.

Und so möchte ich zum Ende noch konstatieren, dass dieses Werk nicht nur überragend ist, sondern auch durch Text, Gefühl und Klang etwas geradezu Folkloristisches hat. Eine Art verqueren Folk Black Metals sehen beziehungsweise hören wir hier. Nicht auffällig trällernd, schunkelnd und saufend, sondern erhaben, anmutig, edel. Etwas Ähnliches empfinde ich auch bei SATYRICONs "Nemesis Divina", wo die Norweger es schafften, ihr Land in der Musik mit krächzender Urigkeit zu verbinden. Und wenn ich für immer der einzige Mensch bin, der behauptet, "Nemesis Divina" sei Folk Black Metal.

Abschließend muss ich noch eine Person namentlich erwähnen, der ich viele Informationen für dieses Review zu verdanken habe. Dmitry Popov schrieb für den Metal Observer ebenfalls ein Review zu diesem Glanzstück, und die darin enthaltenen Informationen, insbesondere in Bezug auf musikalische Zitate, haben mir eine Menge Recherche und wahrscheinlich drei Herzinfarkte erspart. Спасибо, Дмитрий! Thank you, Dmitry!

Gesamtwertung: 9.0 Punkte
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Trackliste Album-Info
01. Awakening - Unimaginable
02. Lexi-Con - Radical
03. Infection - Sensible
04. Harrowing The Sane - Popularization...
05. Ossification - Law
06. Ashes - Norm
Band Website: www.thecommitteecult.com
Medium: CD, LP
Spieldauer: 45:58 Minuten
VÖ: 29.05.2020

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