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Interview mit Dirk Rehfus von Grabnebelfürsten

Ein Interview von Zephir vom 28.09.2013 (3004 mal gelesen)
Dirk Rehfus spricht über Nietzsches Philosophie und sein eigenes Faible für Naturwissenschaften - und natürlich auch über das letzte Album "Pro-Depressiva" und ein zukünftiges Nachfolgeprojekt der GRABNEBELFÜRSTEN.

Erst einmal hallo und vielen Dank, dass du dir Zeit für ein Interview nimmst! Acht Jahre lang hatten wir nichts von den GRABNEBELFÜRSTEN gehört. Womit hab ihr euch in dieser Zeit beschäftigt?

Dirk Rehfus: Hallo! Wir haben allesamt mehr oder weniger unseren Alltag gemeistert. Teilweise haben wir uns natürlich auch der Musik gewidmet, ich für meinen Teil habe zum Beispiel drei Solo-Platten gemacht. Unser Bassist und ich haben auch ein gemeinsames Werk geboren. Unser Schlagzeuger ist ebenfalls noch in anderen Bands aktiv, wir waren also schon beschäftigt.

Ich habe vor einigen Tagen euer jüngstes und letztes Album "Pro-Depressiva" rezensiert und war beeindruckt von der Menge an Gehalt, die in dem Werk steckt. Was sagst du eigentlich dazu, wenn man euch als "intellektuelle Avantgarde" des Black Metal bezeichnet?

Dirk Rehfus: Das kann man natürlich machen, aber letzten Endes definiert sich Musik nicht über ein intellektuelles Profil. Deswegen gefällt mir diese Einordnung nur bedingt. Es erweckt den Eindruck, dass es bei GNF primär um Texte und Gedanken geht, die Musik aber ein wenig hinten ansteht. Und das trifft eben nicht zu.

'Einsicht vs. Erkenntnis' zitiert ausführlich ein Fragment von Friedrich Nietzsche, das er 1881 verfasste und das bis heute erstaunlich zeitgemäß klingt. Auch in früheren Songs habt ihr bereits auf Nietzsches Werk zurückgegriffen und einzelne Passagen daraus adaptiert. Vielleicht mag Nietzsche generell so ein bisschen der Liebling der Pessimisten und damit auch der Black Metaller sein, bei euch scheint die Adaption seiner Gedanken in einem neuen Kontext aber nochmals tiefsinniger und bedeutungsvoller. Erzähl doch mal, was es auf sich hat mit der Beziehung zwischen den GRABNEBELFÜRSTEN und dem Philosophen.

Dirk Rehfus: Eine Zeitlang habe ich mich tatsächlich sehr mit Philosophie beschäftigt. Nietzsches Art zu schreiben hat mich damals am meisten fasziniert, denn er schrieb tatsächlich wie ein Schriftsteller. Dagegen waren die Texte anderer Philosophen einfach staubtrocken. Nietzsche schrieb dagegen sehr lebendig; er hat sich auch in aller Bescheidenheit einmal einen "Akrobaten der deutschen Sprache" genannt. Außerdem war Nietzsche großartig darin, wesentliche Gedanken in einem einzigen schlichten Satz auszudrücken. Meine damaliges Faible für den werten Herrn hatte also nichts mit einer besonderen Lebenseinstellung oder einem sonderlich negativen Gemütszustand zu tun. Ich mochte einfach, wie er mit Sprache spielte und diese zur Kunst erhob. Ich würde nicht so weit gehen, von einer besonderen Beziehung zu sprechen, die wir zu der Literatur und Gedankenwelt Nietzsches hatten. Dass dieser Eindruck entstehen kann, verstehe ich aber natürlich.

Ich habe mich in dem Zusammenhang auch gefragt, wer eigentlich der 'Mantelmann' ist.

Dirk Rehfus: Der Mantelmann ist eine absolut fiktive Person, sehr wissbegierig und gebildet. Andererseits einsam und fern wirklicher Lebensfreude. So viel möchte ich aber nicht verraten, schließlich wäre das eine Interpretation meines Textes. Das mache ich nicht so gerne.

Ich erinnere mich, dass ihr auf "Schwarz gegen Weiß" außerdem Rüdiger Safranski zitiert, den man als Nietzsche-Biographen kennt, der aber auch andere manisch angehauchte Dichter und Denker portraitiert hat, wie zum Beispiel E. T. A. Hoffmann. Da vermute ich in eurem Werk noch mehr versteckte Bezüge und Inspirationen, die vielleicht gar nicht so offensichtlich sind. Wie beeinflusst seid ihr insgesamt von Literatur und Philosophie?

Dirk Rehfus: Wie gesagt, früher war ich durchaus an Philosophie interessiert. Doch ist diese Passion ein wenig verflogen und hat vielmehr Platz für das große Gebiet der Naturwissenschaften gemacht. Man hat einfach nicht genügend Zeit. Interesse hätte ich auch heute noch an philosophischer Literatur. Doch ist die verfügbare Freizeit zu knapp bemessen. Aufgrund dieses Umstandes setze ich mir mittlerweile klare Prioritäten. Ich lese mittlerweile fast nur noch Stoff aus den Themengebiete Astronomie und Geologie.

Deine Webseite www.kleine-erde.de ist ein Schatzkästchen an Wissen und Informationen. Hat das berufliche Hintergründe, oder wie kam es dazu?

Dirk Rehfus: Schätzkästchen ist ein schönes Kompliment, das aber zu viel verspricht. So weit ist die Seite leider noch lange nicht. Aber das Ziel ist tatsächlich aus der "kleinen Erde" einmal ein interessantes, und hoffentlich umfangreiches Stück Internetkultur zu entwickeln. Ich habe die Seite gestartet, weil man sich richtig intensiv mit fachlicher Materie beschäftigen muss, wenn man einen eigenen Text zu dieser Materie verfassen möchte.

Zurück zu "Pro-Depressiva". Sowohl im 'Fazit einer Ehe' als auch in der 'Rückkehr' blickt ihr auf die bisherige Arbeit der GRABNEBELFÜRSTEN zurück. Welche Empfindungen habt ihr dabei?

Dirk Rehfus: 'Die Rückkehr' hat thematisch nicht wirklich viel mit dem bisherigen Schaffen von Grabnebelfürsten zu tun. Dieser Eindruck entsteht womöglich dadurch, dass in dem Text einige Eigenzitate auftauchen. Aber 'Die Rückkehr' ist ein sich geschlossener Text, der sich mehr an einer grundsätzlichen Fragestellung bezüglich des Menschen im Kontext des Universums orientiert. 'Fazit einer Ehe' stellt dagegen tatsächlich eine kleine Retrospektive dar. Ich empfinde den Song aber nicht anders wie andere. Ich habe viele schöne Erinnerungen an die Zeit mit GNF, freue mich aber auf eine musikalische Zukunft ohne GNF.

Das letzte Album wurde über Ketzer Records und Einheit Produktionen veröffentlicht. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Dirk Rehfus: Sowohl Alex von Ketzer als auch Olaf von Einheit fragten zeitlich gesehen quasi parallel nach "Pro-Depressiva" beziehungsweise bekundeten ihr Interesse an der Scheibe. Da ich wusste, dass die beiden gut miteinander können, habe ich versucht beide "Parteien" zum Split-Release zu bewegen. Hat geklappt, wie man sieht. Ich schätze beide Personen ebenfalls sehr, wir haben ihnen viel zu verdanken!

Ihr wollt ja nun die GRABNEBELFÜRSTEN tatsächlich ruhen lassen, und ich spreche sicher allen Fans aus der Seele, wenn ich sage, dass die Szene damit einen ziemlichen Verlust zu kompensieren haben wird. Willst du schon einmal kurz andeuten, um was es im nächsten Projekt 3001 gehen wird? Der Name klingt irgendwie futuristisch.

Dirk Rehfus: Futuristisch deshalb, weil wir nicht "2013" heißen. Aber tatsächlich ist "3001" irgendwie als Jahreszahl zu verstehen. Es ist cool, diesen enormen Zeitpfeil zeichnen zu wollen. Der Name ist schon mal kein Understatement. Du kannst dich nicht "3001" nennen und dann belanglose 0815-Musik erschaffen. Wir wollen groß angelegte Atmosphäre in unseren Songs erreichen, das Ganze soll schon recht episch werden. Gut möglich, dass wir sehr lange Instrumentalparts in die Songs einbauen werden.

Inwieweit wird sich 3001 von euren früheren Werken unterscheiden?

Dirk Rehfus: Ich hoffe, dass sich die Musik erkennbar von Grabnebelfürsten unterscheiden wird. Nicht umsonst haben wir uns für ein neues Konzept unter einem anderen Namen entschieden. Musikalische Tendenzen kann ich jetzt noch nicht verkünden, dafür stehen wir noch zu weit am Anfang. Es wird mit Sicherheit keine deutschen Texte mehr geben, das kann ich schon mal verraten.

Und wird man euch mit 3001 auch mal auf der Bühne sehen und hören?

Dirk Rehfus: "3001 on stage" ist ein Ziel. Aber es bleibt abzuwarten, ob und wann wir dieses Vorhaben tatsächlich umsetzen können. Und mit den Jahren sind unsere Ansprüche an uns selbst gewachsen. Grabnebelfürsten waren nie eine wirklich gute Live-Band. Wenn wir also mit 3001 Konzerte geben sollten, müssen wir eine annähernd professionelle Performance bieten können. Sonst hätte es keinen Sinn.

Vielen herzlichen Dank für das Interview und für eure jahrelange musikalisch-künstlerische Tätigkeit! Nicht nur ich freue mich auf baldige neue Werke von euch. Bitte gib unseren Lesern zum Schluss noch ein paar Worte mit auf den Weg zum erfolgreichen Abschluss und Neubeginn:

Dirk Rehfus: Wir bedanken uns ebenfalls für den jahrelangen Support! Hoffentlich werdet ihr schon bald wieder von uns hören.

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Keine deutschen Texte mehr? Dann wird das nur eine weitere Band, wie es sie dutzendfach bereits gibt. Denn gerade die deutschen Texte machten GNF so einzigartig neu und unterscheidbar von allen anderen.
(24.12.2015 von Mike)

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