Interview mit Jens von Night In Gales

Ein Interview von Eddieson vom 15.11.2025 (875 mal gelesen)
30 Jahre hat "Sylphlike", das erste Output von NIGHT IN GALES, auf dem Buckel. Im Zuge dessen hat die Band die Songs komplett neu eingespielt und an Halloween veröffentlicht. Gitarrist Jens erzählte mir ein bisschen was, wie es dazu kam und von der Zeit von damals. Er hat auch freundlicherweise ein paar Fotos von 1995 zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

Moin Jens. Wie geht's dir?

Jens: Guten Morgen Jan, danke, mir geht es gut. Es ist Samstagmorgen, ich habe gerade gefrühstückt und erledige jetzt ein paar Band-Dinge, zuerst das Interview hier, danach werde ich noch die Merchandise-Bestellungen der letzten Woche bearbeiten und im Studio etwas Platz schaffen. Dort stapeln sich die Kartons und vor lauter Gitarren und Kabeln kann man sich dort eigentlich gar nicht mehr frei bewegen. (Lacht) imgright

An Halloween habt ihr das Re-Recording von "Sylphlike" veröffentlicht. Wie kam es zu der Idee, das Material neu aufzunehmen?

Jens: Wir hatten überlegt, was wir Schönes zum 30-jährigen Bandjubiläum machen könnten. Und da unsere "Sylphlike"-Demo-CD ebenfalls 30 Jahre auf dem Buckel hat, kam die Idee, anstatt eines neuen Releases die Gelegenheit zu nutzen und das Teil neu einzuspielen. Zum Glück war Apostasy auch für diese Schandtat zu haben und so haben wir das gegen Ende letzten Jahres geplant und umgesetzt.

Prominentes Beispiel sind PARADISE LOST, die ihr Album "Icon" ja auch komplett neu eingespielt haben, um die Rechte an den Songs wieder in Bandhand zu haben. Spielte so was bei euch auch eine Rolle?

Jens: Genau das sind bei solchen Kalibern aufwärts die üblichen Beweggründe für Neuaufnahmen. Wenn es nicht um die Rechtethematik geht, dann um andere kommerzielle Interessen, also zum Beispiel ein neues Release für eine Tour am Start zu haben, oder bloß weil man sein Pulver komplett verschossen hat und einem einfach nix mehr Gutes Neues einfällt. Bei uns ging es nicht um finanzielle Dinge. Davon abgesehen ist das in der heutigen Zeit sowieso eher ein finanzielles Risiko, das wir und die Plattenfirma dabei eingehen. Re-Releases und auch Re-Recordings verkaufen sich niemals so gut wie reguläre neue Alben, es ist eher eine Herzensangelegenheit, die man einfach machen muss. Es ging uns einzig darum, uns und den Fans ein Geschenk zum 30-Jährigen zu machen. Und eben nicht nur in Form einer einzigen Show, sondern als schickes Release, welches man sich dann auch schön ins Regal, oder wie wir sagen, "in den Glaskasten!" stellen kann. Wir haben übrigens im April für den Veranstalter der Griechenland-Minitour mit 'Perihelion' einen Track vom 1998er "Thunderbeast"-Album einüben müssen, das war sein Lieblingssong von uns und er hatte sich den gewünscht. Als ich den zu Übungszwecken dann neu bei mir im Studio eingespielt habe, bekam ich direkt Lust, auch die ersten Alben neu einzuspielen. Aber dazu sind die Alben selbst mir noch zu heilig und die Produktionen waren auch nicht so schlecht, als dass es erforderlich wäre. Aber wie gesagt, wenn einem gar nichts mehr anderes einfällt, sag niemals nie ... imgleft

Wenn mich meine Ohren nicht täuschen, ist bei den Songs, bis auf das Schlagzeug, alles relativ gleich geblieben - oder habt ihr was an den Songs verändert?

Jens: Da haben dich deine Ohren nicht getäuscht. Es wurde schon erst diskutiert, ob und was man ändern könnte. Wir kamen aber schnell zu dem Schluss, dass das nicht konsequent genug wäre. Wir wollten ja gerade zeigen, dass die Stücke noch funktionieren, beziehungsweise dass wir und nur wenig weiterentwickelt haben, ganz wie man es sehen will, haha. Aber ohne Witz: Es wäre ein Fass ohne Boden und die Büchse der Pandora gewesen, wenn wir angefangen hätten hier eine Terz drüber zu dudeln, da ein Solo einzubauen, hier eine Oktave drunter zu ziehen, und offene Black Metal-Style-Riffs plötzlich palm-muted zu spielen, den Gesang bei jeder dritten Zeile zu doppeln, Effekte drauf zu klatschen und so weiter. Ehrlich gesagt wird mir schon beim Tippen schlecht gerade. (Lacht) Stichwort "verschlimmbessern". Und es will doch auch niemand hören. Weil es auch keine Kunst ist. Die Herausforderung ist doch viel größer, wenn man sich der Einfachheit der Songs stellt, und vielmehr versucht, das richtige Gespür für Songs einzufangen, es nicht durch eine sterile Überproduktion zu versauen, was aufgrund der heutigen Produktionstechnik gar nicht so einfach ist. Geändert hat sich allerdings das Tuning, da wir seit 2011 auf C-Standard runtergestimmt sind. Adriano hatte lediglich gebeten, nah am Original zu bleiben. Aber er hat nun mal einen anderen Stil als Christian, vor allem was die Obenrum-Sachen betrifft, da hätte es nicht viel Sinn gemacht jedes Detail wieder abzubilden, da er sich mit den Arrangements einfach beim Einspielen nicht wohl gefühlt hätte. Bis jetzt hat es auch noch niemanden gestört, war also die richtige Entscheidung, denke ich.

Kannst du dich noch an die Aufnahmesession von damals erinnern? Wie lief es? Seid ihr damals mit allem zufrieden gewesen?

Jens: Ja, das kann ich noch relativ gut, allerdings helfen mir auch die noch vorhandenen Fotografien dabei, schätze ich. Wir hatten nur eineinhalb Tage alles aufzunehmen, also nahmen wir Drums, Bass und meine Gitarre als Band live auf - in dem Studio war das möglich, da es zu diesem Zweck vier Aufnahmeräume gab, die mit Sichtfenstern verbunden waren. Nach ein paar Takes waren die Songs im Kasten. Dann war Frank an der Reihe seine Gitarre drüber zu spielen, in der Zeit waren wir kurz Pizza holen. (Grinst) Kann auch gut sein, dass Christians Vocals vor Frank an der Reihe waren, aber an dieses Detail beispielsweise erinnere ich mich wirklich nicht mehr. Wir waren total zufrieden mit dem Ergebnis, es gab auch gar keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Nachfrage war enorm. Das DIY-Vertriebsfeuer war in uns entfacht und wir machten uns täglich an die Arbeit, das Ding als Muster an jeden in der weltweiten Death- und Black Metal-Underground-Szene zu versenden, der eine Adresse hatte. Aus heutiger Sicht machte es dann aber schon Sinn, die Songs mal mit heutigem Sound zu hören, und auch spielerisch war da noch viel Luft nach oben, um das mal ganz vorsichtig zu beschreiben. (Lacht) imgright

Sylphlike bedeutet so viel wie dass jemand attraktiv, dünn und weich ist. Wie seid ihr damals auf diesen Titel gekommen und was wolltet ihr damit ausdrücken?

Jens: (Lacht) So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Dünn waren wir damals auf jeden Fall noch alle, attraktiver sicher auch. Ich war mal so frei und habe zu dieser Frage Christian (Bass, damals Drummer der Band, spielt aktuell bei HSB) aufgesucht. Hier seine Ergüsse zu dem Thema: "Grundlegend ist zu sagen, dass es nicht um die äußere Form, sondern um das Innere geht. Der Text beschreibt einen Menschen, der in tiefe Einsamkeit und innere Unruhe versinkt, sich verlassen fühlt und von einer zarten, aber allgegenwärtigen Traurigkeit überwältigt wird. Hier kommt der Begriff der Sylphe ins Spiel, die nicht an der realen Welt teilnimmt, aber doch in ihr vorkommt. Man sehnt sich nach Flucht, selbst durch das Chaos, und hofft, dass die Konfrontation mit dieser Energie den Schmerz in Freiheit oder Weisheit verwandeln wird. Letztendlich wendet sich der Text der Transformation zu. Indem man zum "stürmischen Meer" wird, nimmt man eine reinigende Art von Aufruhr an und steigt in einen neuen Seinszustand auf, in dem Leiden zu Weisheit wird und man sich die Welt öffnet. Man entwickelt sich sozusagen von einem sylphenähnlichen Wesen in einen Menschen." Christian hat übrigens alle Texte zu "Sylphlike" sowie auch zu 'Autumn Water' ("Towards The Twilight", 1997, Nuclear Blast Rec.) und 'A Spark In The Crimson Eclipse' (Razor 7“, 1996, MDD Rec., re-recorded auf "Dawnlight Garden" 2020 Apostasy Rec.) beigesteuert.

Jens, vielen Dank für das kurze Interview. Alles Gute zu 30 Jahren "Sylphlike" - und die letzten Worte gehören dir.

Jens: Danke ebenfalls, Jan! Es tut immer mal gut, über die alte Zeit nachzudenken. In den Interviews wird man ja quasi dazu gezwungen, so manche verstaubte Schublade des Geschehens noch mal zu öffnen und zu überlegen, wie genau dieses oder jenes eigentlich passiert ist. (Lacht) Bis zum nächsten Mal und viele Grüße nach Bielefeld! imgleft

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