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Interview mit Fernando Ribeiro von Moonspell

Ein Interview von des vom 17.08.2020 (1627 mal gelesen)
Fernando Ribeiro, der sich im Skype-Interview ganz entspannt in Hawaii-Hemd und im Vollbart präsentiert, hat zur Wiederveröffentlichung von "The Butterfly Effect" einiges Interessantes zur Entstehung des Albums zu erzählen. Außerdem macht er neugierig auf das 2021 erscheinende neue Album.

Hallo Fernando, wie geht es so?

Fernando Ribeiro: Es geht uns gut, auch wenn es harte Zeiten sind; wir versuchen, den Kopf über Wasser zu halten. Das war ja nicht absehbar, dass alles so abrupt stoppt. Portugal ist im Großen und Ganzen okay, es ist auch nur ein kleines Land. Es gibt hier auch fast keine Todesfälle mehr wegen COVID.

Macht ihr keine Wohnzimmer-Konzerte?

Fernando Ribeiro: Ehrlich gesagt, das haben aus meiner Sicht manche Bands überstürzt angegangen. Wir Musiker legen ja immer Wert auf Aufmerksamkeit, und klar, man muss auch irgendwie überleben. Aber wir hoffen, dass uns unsere Fans vermissen, aber wir hoffen auch, dass wir unseren Fans mehr präsentieren können als eine akustische Gitarre auf der Couch. Im Wohnzimmer sehe ich lieber fern, spiele mit meinem Kind, mache etwas Popcorn, spiele mit der Katze und hoffe, dass wir bald zurück auf der Bühne sein können. Die Musikszene hat sich überraschend schnell an die Situation angepasst und viele gute Sachen gemacht - der Wacken-Broadcast zum Beispiel war überwältigend. Wir können uns nicht an Wacken messen, dafür sind wir zu klein, aber wir planen auch ein Streaming-Konzert für den Herbst, vielleicht im Oktober. Es wird eine echte Show, aber auch mit einigen Überraschungen. imgleft

Plant ihr, wie beim Re-Release von "Irreligious", das ganze Album "The Butterfly Effect" komplett zu spielen?

Fernando Ribeiro: Das haben wir nicht vor, aber wir möchten ein paar Songs von "The Butterfly Effect" in die Setlist übernehmen wie 'Soulsick' oder 'Butterfly FX'. Wir hatten vor der Quarantäne eine Riesentour mit ROTTING CHRIST im letzten Jahr, aber wir wollen wieder langsam zu unseren Fans zurückkehren und viele Klassiker spielen. Wir halten schon immer Kontakt mit unseren Fans, sind aber keine Band, die ständig präsent ist. Wollen vermitteln, dass wir wieder da sind und man auf uns zählen kann. Das passt auch dazu, dass wir unseren Backkatalog schrittweise neu auflegen wie im Moment "The Butterfly Effect". Gleichzeitig arbeiten wir aber auch an einem neuen Album, was uns für 2021 die Möglichkeit gibt, wieder unseren Fans näher zu kommen. Wir werden spielen und streamen, es erfordert nur etwas Geduld - und wir wollen für unsere Anhänger die Songs spielen, die sie am meisten lieben.

"The Butterfly Effect" war bei seiner Veröffentlichung ganz anders, kontroversiell. Wie siehst du das Album heute?

Fernando Ribeiro: Es war gar nicht unsere Absicht, die Kontroverse zu kreieren, es ist so ein "Love & Hate"-Ding. Aber wir als MOONSPELL gehen an ein neues Album immer völlig unvoreingenommen heran. Für manche Leute war es zu ausgefallen, für andere war es "the right thing". Musik ist immer eine Frage des Geschmacks und wie man sich damit identifizieren kann. Musik kann man sich erarbeiten, ähnlich wie es auch in Beziehungen der Fall ist, und es ist nicht die Aufgabe von MOONSPELL, zu erraten, was die Leute wollen. Klar, die Leute wünschen sich ein zweites "Wolfheart" oder "Irreligious", aber der wahre Motor hinter MOONSPELL ist, dass wir lieben, was wir tun und auf der anderen Seite auch sehr selbstkritisch sind. Wir wollen uns immer weiterentwickeln; als wir damals "Sin/Pecado" aufnahmen, fragte man sich, was zur Hölle das ist. Und als wir "Sin" dann herausgebracht haben, nannten es die Leute ein geniales Werk. Auch bei "The Butterfly Effect": Wenn die Leute sagten, es sei so Avantgarde oder bahnbrechend, stimme ich dem nicht zu. Es war genau das Album, das wir machen wollten, es ging uns um die Freiheit der Kreativität. Es war das Konzept, die Chaos-Theorie und dass wir auch elektronische Musik hörten, das die richtigen Ingredienzen für diesen perfekten Sturm namens "The Butterfly Effect" bedeutet haben.

Wie seid ihr damals auf das lyrische Konzept der Chaos-Theorie gekommen? Es ist für euch doch ungewöhnlich.

Fernando Ribeiro: Ich habe lyrisch recht romantisch begonnen mit all diesen Texten über Vampire, Wölfe und so weiter. Aber als Texter möchte ich mich nicht auf nur ein Thema festpinnen lassen. Aber 1999 - ich erinnere mich noch sehr gut an diese Prä-Millenniums-Spannung - wurde ich sehr vom Jahrtausendwechsel inspiriert. Man denke nur an die Angst damals vor einem riesigen Computer-Crash: Y2K-Crash, die Flugzeuge würden vom Himmel fallen, die Börsenkurse würden fallen, eins hatte zum anderen geführt und ich kam mit dem Konzept in Berührung, das auf den Theorien des Physikers Edward Lorentz beruht, der die Natur und die darin manifestierten chaotischen Zustände studiert hatte. Ich habe versucht, eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft herzustellen. Und nach all diesen Jahren kann man sehen, dass diese Theorien über den Schmetterlingseffekt tatsächlich zutreffen, man denke nur an die Situation mit dem Virus [Anm: COVID-19], die darauf zurückführen ist, dass auf einem chinesischen Markt exotische Tiere gegessen werden. Der Virus kam von Tieren, wahrscheinlich Fledermäusen, ging auf den Menschen über und hat sich mittlerweile auf die ganze Welt ausgebreitet. Und derjenige, der aus einem kulturellen Brauch heraus dieses Tier gegessen hat, hatte keine Ahnung, dass er damit einen Downfall für die gesamte Welt auslöst. Und die Wissenschaft kann dabei helfen, zu verstehen, wie kleine Dinge in weit entfernten Orten große Wellen auslösen können.

Aber mit "Darkness And Hope" seid ihr danach stilistisch wieder einen Schritt zurückgegangen

Fernando Ribeiro: Nun, ich glaube, dass wir nie gewisse Qualitäten innerhalb der Band verloren haben. Auch wenn es scheint, dass die stilistischen Unterschiede wenig Sinn machen - für uns ergeben sie einen perfekten Sinn. "The Butterfly Effect" war damals ein gewalttätiges Album mitten ins Gesicht, voller Chaos. Aber was man nach einem Krieg tun will, ist in seinen Raum zurückgehen, du willst alleine sein, du willst auf das Meer sehen, du willst in die Dunkelheit sehen, und ich glaube, das ist damals mit dem eher Gothic-orientierten "Darkness And Hope" passiert. Wenn ich versuche, die musikalische Karriere von MOONSPELL zu betrachten, kann ich verschiedene Verbindungen sehen und so stellt für mich "Darkness And Hope" eine Brücke zwischen "The Butterfly Effect" und einem MOONSPELL-Album, das ich sehr mag, "The Antidote", dar und half uns, unseren Sound wiederzufinden. "Darkness And Hope" war ein gutes Album, das aber eine Band repräsentiert hat, die um ihren Zusammenhalt kämpfen musste. Wir hatten nach "The Butterfly Effect" finanzielle Troubles und mussten Touren bestreiten, die schlecht besucht waren. Das sind Dinge, die einem als Musiker widerfahren, es ist nicht immer alles happy, bei der Musik geht es immer auch ums Leiden [lacht]. Wenn es immer einfach wäre, wäre es nicht Musik, sondern Zimmerservice. Und als MOONSPELL haben wir noch immer nicht eine Art von Formel gefunden.

Ich mag "The Antidote" sehr!

Fernando Ribeiro: Ja, mit dieser ganzen Idee, den Backkatalog wiederzuveröffentlichen ... wir haben ein kleines Label in Portugal, Alma Mater Records, das mir gemeinsam mit einem Partner gehört, und wir wollen all die Alben der MOONSPELL-Community zur Verfügung stellen. Wir haben gesehen, dass gerade die junge Generation wieder Platten besitzen will, die nicht nur Spotify oder andere Streaming-Dienste hören will. Sie wollen die Platten besitzen! Ich sehe deine Plattensammlung hinter dir, ich habe auch so eine, aber unsere Platten sind mehr oder weniger ausverkauft. Ich dachte mir, das ist eine Schande, wir sollten die wirklich wieder auf den Markt bringen. Wir haben schon "Wolfheart", "Irreligious" und "Sin" wiederveröffentlicht, "The Butterfly Effect" ist jetzt an der Reihe und als nächstes kommt "Darkness And Hope", ebenfalls in einer Sammleredition. Und dann werden wir die Century Media Jahre mit "The Antidote" abschließen, das wir auch mit Demos und Live-Takes versehen werden. Für mich ist das eine coole Sache, weil ich Schallplatten liebe und es liebe, dass Vinyl wieder zurück ist! Eine der großen Momente war es, als wir von den Aufnahmen zu "Extinct" aus Schweden zurückkamen und die Platte aufgelegt haben, großartiger Sound, musikalisch und powervoll! Und das ist die Idee mit unserem aktuellen Label Napalm Records, die alten Platten zurückzubringen, mit neuem Artwork oder zusätzlichen Extra-Songs. Ich höre auch digitale Musik, aber wenn ich mir wirklich Zeit nehmen möchte, um Musik zu hören, greife ich zu einer Schallplatte.

Das scheint ohnehin ein Metal-Ding zu sein, dass man sich eine Vinyl oder CD kauft anstatt die Songs zu streamen?

Fernando Ribeiro: Ich hoffe es. Das Metal-Volk ist eine enge Community, die auch gerne auf Festivals geht und momentan sehr unter dem Social Distancing zu leiden hat. Vor allem haben wir eine treue Fanbasis, was Metal-Bands oft von Popfans unterscheidet, die an einem Tag Justin Bieber hören und am nächsten Billie Eilish. Auch die Art wie Künstler von Digitalanbietern behandelt werden, ist keine großartige Sache. Und viele Metal-Fans denken, dass Musik mehr ist als eine Commodity, die dir im Gym als Hintergrundbeschallung dient.

Was ist dein Favorit unter euren Platten?

Fernando Ribeiro: Das ist, als müsste man ein Lieblingskind nennen. Sie haben alle ihre Qualitäten. Wenn du eine Platte veröffentlichst, ist sie ein Teil deines Lebens. Ich sage immer "The Butterly Effect" wäre das Kind, das Wissenschaftler geworden wäre, der Nerd, der schräge Vogel, und ich mag ihn dafür. Aber unsere komplettesten Platten, auf die ich wirklich stolz bin, sind "Irreligious", "Extinct" und "The Antidote". Bei den Aufnahmen zu diesen Platten waren MOONSPELL eine Einheit, stark, inspiriert. Wir waren sehr, sehr hungrig und heiß darauf, diese Alben zu machen.

Mir gefällt auch das "1755" sehr! Viele Chöre und voller Überraschungen.

Fernando Ribeiro: Alles war überraschend an "1755". Wir wollten immer ein Album machen, das Metal mit portugiesischer Geschichte mischt. Ich kann mich erinnern, dass damals Napalm mit der Idee kam, eine EP aufzunehmen, damit wir mehr Zeit hätten, um ein neues Album zu machen. Und wir hatten begonnen, an der EP zu arbeiten, bis wir meinten "hey, das ist zu gut, um nur vier Songs zu machen, lasst uns daraus ein gesamtes Album machen," auch wenn die Lyrics ausschließlich auf Portugiesisch waren. Das war ein großes Risiko für uns. Aber wir beschlossen, ausschließlich der Musik zu folgen und nicht irgendwelchen Zeitplänen. Es stand eine US-Tour an, aber wir wollten das Album unbedingt fertig machen. Und ich verstehe sehr gut, dass die Platte ganz anders ist, als man nach "Extinct" erwartet hatte. Das wird eher die Mission des kommenden Albums sein, das 2021 kommen wird. Aber "1755" war wichtig, weil es rein auf Portugiesisch ist und ein großes historisches Ereignis behandelt. Aber wahrscheinlich war das eine einmalige Platte - vielleicht, vielleicht machen wir in ein paar Jahren nochmals ein portugiesisches Album, wenn wir wieder ein Stück portugiesische Geschichte gefunden haben, das wir mit Musik füllen wollen. Portugal ist eines der ältesten Länder der Welt und es gibt viele historische Ereignisse. "1755" hat uns eine künstlerische Tür geöffnet.

Wie wird euer nächstes Album klingen?

Fernando Ribeiro: Wir arbeiten noch daran und es wird definitiv nicht klingen wie "1755", das ist schon sicher [lacht]. Es wird sehr melancholisch, aber nicht wie "Darkness And Hope" Loser-melancholisch, sondern befreiend. Ich würde sagen, wir machen dort weiter, wo wir mit "Extinct" aufgehört haben, aber weniger Rock 'n' Roll-Metal, sondern mehr Dark Metal. In der Art 'Breathe (Until We Breathe No More)' oder 'The Future Is Dark', aber es wird auch überraschend, denke ich. Ich denke, wir werden es im Oktober aufnehmen, aber im Moment ist alles noch ungewiss. Aber das Album sollte 2021 rund um Jänner, Februar, März herauskommen. Uns geht es beim neuen Album um Originalität und Qualität, ich bin jetzt 45, werde bald 46, und muss nicht mit der schnellsten, härtesten Band in Wettstreit treten. Ich will Musik spielen, will unserer Inspiration Befreiung geben und das ist genau das, was wir tun wollen!

Danke Fernando, dass du dir die Zeit genommen hast!

Fernando Ribeiro: Gerne! See you next time!

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