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Interview mit Jessica Wolff von Jessica Wolff

Ein Interview von baarikärpänen vom 25.06.2020 (2508 mal gelesen)
JESSICA WOLFF hat gerade erst mit "Para Dice" ein überraschend starkes Album veröffentlicht, das jedem, der auf Melodic Metal steht, bestens reinlaufen sollte. Im Interview erzählt sie mehr über die Hintergründe, geht näher auf einzelne Songs ein und ihr Verhältnis zu Social Media. Dass es dabei auch mal etwas persönlicher wird, macht sie nur noch sympathischer.

Jessica, du hast bereits vor der Veröffentlichung von "Para Dice" einige Bedenken geäußert, wie die Leute auf das Album reagieren könnten. Vor allem, weil die Musik doch um einiges härter geworden ist. Wie waren die Reaktionen denn bis jetzt?

Jessica: Es ist halt immer ein Risiko, wenn du die Musik auf deinem Album änderst. Aber ich könnte nicht glücklicher sein, denn die Reaktionen waren bisher überraschend positiv.

Versteh mich nicht falsch, ich liebe "Grounded" noch immer, aber "Para Dice" hat so viel mehr Power, ohne dabei deine bisherigen Trademarks wie Hooks oder Eingängigkeit zu vernachlässigen. Wo siehst du selbst die größten Unterschiede zwischen den Alben?

Jessica: "Grounded" war im Grunde schon eher Pop. Aber wenn wir die Songs live gespielt haben, hatten sie so viel mehr Kraft. Und genau das war die Herangehensweise für "Para Dice": Unsere Power von der Bühne ins Studio zu übertragen.

Im Infozettel des Labels steht, dass die anderen Jungs in der Band, das Wolffpack, dieses Mal deutlich mehr zum Songwriting beigetragen haben. Wie groß war ihr Einfluss und wie läuft das Songwriting normal bei euch ab?

Jessica: Normalerweise reise ich viel rum und arbeite mit anderen Songwritern. Die Demos, die dabei entstehen, sind schon eher "Pop". Dann gebe ich diese Demos an die Jungs und an den Produzenten weiter. Jetzt hab ich sie einfach mal ihr Ding machen lassen. Sie haben die Songs wirklich total auseinandergenommen und sie dann wieder so zusammengesetzt, dass die Grundidee immer noch zu erkennen war, aber die Songs eben für die Band funktionieren. Sie hatten keine genauen Vorgaben. Ich konnte zum Beispiel jetzt noch nicht mal im Studio anwesend sein während dieser Phase, weil ich in Australien gearbeitet habe. Aber wie gesagt, ich hatte vollstes Vertrauen in die Jungs. Das Endergebnis gibt mir ja auch Recht.

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Wie viel von Jessica Wolff ist in den Texten zu finden? Einige, wie 'The Sunny Side Of The Bay', klingen sehr persönlich.

Jessica: Ich packe schon mein ganzes Herz und Seele in die Lyrics. Inspirieren lasse ich mich von einem Gefühl, Erfahrungen, die ich gemacht habe, einer Situation oder einfach nur von einem Gedanken. Normalerweise fange ich einfach an, lasse meinen Inspirationen und meiner Vorstellungskraft freien Lauf und dann nimmt der Text "Fahrt auf" und entwickelt sich. Einige Songs sind schon sehr von eigenen Erfahrungen geprägt, andere einfach nur eine Botschaft, die ich mit den Hörern teilen möchte. 'The Sunny Side Of The Bay' ist wirklich ein sehr persönlicher Song. Ich liebe es, auf Tour zu sein, aber gleichzeitig habe ich mein Zuhause und meinen Mann vermisst, der mir viel bedeutet. Oft ist es so, dass der, der zuhause bleibt und den anderen "seinen Traum leben lässt", aber auch gleichzeitig seinen eigenen Traum verfolgt (mein Mann ist auch Musiker), gar keine Ahnung hat, wie sehr er vermisst wird und dass der Traum ohne ihn einfach nicht vollständig ist.

Verglichen mit "Grounded", das für mich ein starkes Melodic Rock-Album ist, verorte ich "Para Dice" eher in der Melodic Metal-Ecke. Wie siehst du das?

Jessica: Ehrlich gesagt hatte ich gar kein bestimmtes Genre im Kopf, als ich an diesem Album gearbeitet habe. Die Basis war "Grounded", aber es sollte härter werden, mehr Punch, mehr Fokus auf Gitarren und Drums, aber immer noch eingängig. Aber du hast schon recht, wenn du es unter Melodic Metal einsortierst.

Du bist ja nicht die Gitarristin, aber dennoch die Frage an dich, ob die Entscheidung exakt so gewollt war, vor allem den Gitarren einen Modern Metal-Anstrich zu verpassen? Immerhin eine deutliche Änderung im Vergleich zu den Alben davor.

Jessica: Ja, das war eine ganz gezielte Entscheidung. So wollte ich es haben. Ein Risiko, aber der Mut hat sich gelohnt, wenn ich die Reviews so lese.

'Ella's Song' ist ein Stück mit einer starken Botschaft. Du hast einiges zu dem Song auf Facebook erzählt, über die Hintergründe. Aber vielleicht magst du noch ein wenig mehr dazu sagen? Und vor allem, wie es Ella geht und seid ihr immer noch in Kontakt?

Jessica: Ich fand Ella über die Seite einer gemeinnützigen Organisation. Ihre Mutter fragte dort nach Hilfe, weil Ella so derbe gemobbt wurde, daß sie das Haus nicht mehr verlassen wollte und sich geweigert hat, in die Schule zu gehen. Ich hab sie einfach kontaktiert und meine Hilfe angeboten, so gut ich eben dazu in der Lage war. Also habe ich Ella einfach zugehört, bin mit ihr nach draußen gegangen, habe zusammen mit ihr trainiert. So ist der Song an sich entstanden. Ella geht es im Moment wirklich besser. Als ich sie kennenlernte, war sie wirklich nur noch ein Häufchen Elend. Trotzdem konnte ich sehen, dass da immer noch ein Licht in ihr war. Mittlerweile ist das Licht wieder heller und stärker. Und ja, wir sind immer noch in Kontakt, sogar regelmäßig. Ich bin mir sicher, ihre Geschichte wird viele inspirieren, die genau das durchleben müssen, was Ella fast zerbrochen hätte.

Ich weiß, alle Songs auf "Para Dice" sind sowas wie deine "Babys" und normalerweise behandelt man die alle gleich. Aber gibt es bestimmte Songs, die dir dennoch besonders wichtig sind?

Jessica: Wow, das ist eine harte Frage. Nach einer gewissen Zeit, wenn ich im Studio ständig mit den Songs arbeite, sie aufnehme, sie immer und immer wieder höre, werde ich in gewisser Weise taub. Heißt, mir fehlt der Abstand. Also brauch ich eine Weile, um mich wieder unbefangen zu nähern. Einen Satz frische Ohren sozusagen. Und selbst dann ändert sich die Liste meiner Favoriten immer wieder. Jetzt gerade ist vor allem 'Ella's Song' sehr wichtig. Die Geschichte dahinter hat mich eben sehr berührt. Und dann ist da noch 'Perfect Kind Of Wrong'. Der Song erzählt einfach die Geschichte, wie ich meinen Mann kennengelernt habe. Der fragte mich tatsächlich am ersten Abend, ich kannte ihn gerade ein paar Stunden, ob er auf meiner Couch übernachten könnte. Gut, der letzte Zug war schon lange weg, seine Freunde ebenfalls und die Bar wollte gerade schließen. Also hatte ich das Gefühl, ihm helfen zu müssen. Tja, und er ist dann nie mehr gegangen, haha! Wir waren zunächst nur befreundet, als ich aber bemerkte, dass ich Gefühle für ihn entwickle, hatte ich zunächst mal eine Heidenangst und wollte mich mental aus dem Staub machen. Ich kann nicht sagen, dass alle Texte uns als Paar beschreiben, aber er war definitiv die Hauptinspiration. Das ganze Album handelt davon, einfach mal die Würfel zu werfen, zu sehen, was dabei herauskommt. Aber auch den Mut, seinen Gefühlen zu folgen, auch wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist. Letztendlich macht dich das alles doch nur stärker und bringt dich näher zum "Paradise". Ach so, 'Kill Switch' ist seit kurzem ein weiterer meiner Favoriten.

Die letzten Monate waren ja wirklich sehr ungewöhnlich. Besonders betroffen waren leider Künstler. Du bist ja nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin und Stuntartistin. Wie bist du durch diese Zeit gekommen?

Jessica: Ich habe da einen Platz auf einer Insel, wo ich normalerweise den Sommer verbringe, seit ich denken kann. Als das mit der Pandemie anfing im März, sind wir dorthin gegangen. Alles in allem war ich seitdem vielleicht für zwei Wochen in der Stadt, was sich total unwirklich angefühlt hat, weil auf der Insel alles so weit weg erscheint. Klar, auch ich habe Abstriche machen müssen. Unter anderem habe ich meine Kunden im Gym verloren, es kamen keine Angebote für Filmaufnahmen mehr rein. Aber zum Glück gibt es rund um das Haus auf der Insel jede Menge zu tun, im Garten, im Wald. Das beschäftigt und lenkt ab.

Wo wir gerade bei den Filmaufnahmen sind, fallen mir die Videos ein, die du auf Facebook postest. Die sind schon ziemlich professionell. Hattest du eine richtige Ausbildung, was Stunts und Schauspielerei angeht?

Jessica: Ich habe früher viel Gymnastik und Akrobatik gemacht. Und ich war schon immer ein Fan von Martial Arts. 2008 bin ich dann diesen Stuntleuten begegnet und bin kurzerhand in ihre Truppe eingetreten. Seitdem trainieren wir zusammen. 2010 habe ich dann mit Wushu Kung Fu angefangen, etwas später noch Kickboxen.

Social Media sind besonders in den letzten Monaten sehr wichtig geworden, vor allem auch für Künstler aller Art. Mit den Fans in Kontakt bleiben, spezielle Events wie Corona-Konzerte online zu organisieren. Du selbst postest ja auch regelmäßig. Darunter auch viele eher private Bilder von dir und deinem Mann, deinem Hund oder deiner Schlange. Wo denkst du sollte eine Grenze sein, also der Punkt, an dem es zu privat wird? Es muss ja schließlich nicht jeder ein Kardashian sein.

Jessica: Haha, das erinnert mich an den Typen von meiner Plattenfirma, der mir erst letztens gesagt hat: "Jess, du postest jede Menge Bilder von deinem Hund. Du solltest aber zur Abwechslung auch mal wieder was von deiner Musik posten!". Ehrlich gesagt, bin ich schon ein wenig faul, was Social Media angeht, vor allem mit meiner Musik. Da muss ich mich öfter selbst dran erinnern, sonst vergesse ich es. Ich bin schon ein sehr naturverbundener Mensch, also poste ich meist dann was, wenn ich besondere Orte besucht habe oder besondere Momente. Und ja, du hast recht, gerade bei persönlichen Sachen sollte man vorsichtig sein und darauf achten, was man preisgibt. Auf der anderen Seite bin ich schon eine offene Person. Vor allem, wenn es darum geht, ehrlich gegenüber meinen Fans zu sein. Ich möchte halt nicht abgehoben wirken. Weder auf der Bühne oder mit meiner Musik oder wie ich mit Menschen umgehe. Genau das soll auch so auf den Social Media-Kanälen zu sehen sein.

Lass uns noch mal vom Album sprechen. Ich wette, du kannst es kaum noch erwarten, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, um "Para Dice" zu promoten. Richtig?

Jessica: Sowas von richtig! Aber die Situation ist nun mal so, wie sie ist. Keiner kann dir zu 100% sagen, wann das sein wird. Sollte sich die Möglichkeit aber bieten, kannst du sicher sein, dass ich sofort zugreife.

Für "Grounded" wart ihr zusammen mit TREAT auf Tour, habt aber auch eure eigene Headliner-Tour gespielt. Wie war es?

Jessica: Es war die beste Erfahrung, die ich jemals gemacht habe. Aber auch eine ziemlich harte. Kurz vor den Konzerten hatte ich eine hartnäckige Infektion und dann direkt vor dem ersten Auftritt auch noch die schlimmsten Zahnschmerzen, die ich jemals hatte. Zu allem Überfluss hat sich mein In Ear-Monitor verabschiedet als ich gerade auf dem Weg auf die Bühne war. Und das beim ersten Konzert der Tour. Aber du weißt ja: Was dich nicht tötet ... Der Rest der Tour war dann einfach nur großartig. Wir haben uns einen Tourbus mit TREAT und den Jungs von DARK SKY geteilt. Zehn perfekte Tage. Und die Fans waren sowas von phänomenal. Ich habe mich nie zuvor so verbunden gefühlt mit den Zuschauern. So viele tolle Orte, Abenteuer, Adrenalin. Genial. Wenn du am Ende der Tour auf die Tage zurückschaust und zu der Erkenntnis kommst, du hattest die beste Zeit deines Lebens, das sagt doch wohl alles.

Eine letzte Frage noch. Doro Pesch ist vor kurzem 56 Jahre alt geworden, Suzi Quatro hat ihren 70. gefeiert, GIRLSCHOOL rocken immer noch die Bühnen. Sie alle, neben anderen natürlich, haben viel dazu beigetragen, dass Frauen als das akzeptiert und respektiert werden, was sie sind: ernstzunehmende Künstlerinnen und nicht nur hübsche Staffage. Du stehst ja selbst erst noch am Anfang, aber wie lange wird Jessica Wolff die Bühnen noch rocken?

Jessica: Da stimme ich dir zu. Und wenn mich meine Stimme nicht verlässt, ist da auch bei mir kein Ende abzusehen.

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