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Interview mit Cam (Gesang, Bass) und Lester (Schlagzeug, Gesang) von Spell

Ein Interview von Blaze Breeg vom 11.03.2020 (2935 mal gelesen)
SPELL haben mit "Opulent Decay" einen großartigen Nachfolger des im Underground gefeierten Debütalbums "For None And All" (2016) veröffentlicht. Grund genug, mit der Band über die neue Platte, Erfahrungen auf deutschen Bühnen und noch viel mehr zu plaudern.

Es freut mich sehr, mich mit euch beiden über euer neues Album austauschen zu können. Was könnt ihr uns über das fantastische Artwork von "Opulent Decay" erzählen?

Lester: Das Albumcover ist ein Gemälde des deutschen Dadaisten/Surrealisten Max Ernst (lebte von 1891 bis 1976 - der Autor), der im 20. Jahrhundert gewirkt hat. Es ist eine Darstellung von Intentionalität, der Intention beraubt - ein Denkmal des Verfalls. Ein Objekt des Werdens, das sich in seiner wesentlichsten Form in einem Zustand des Ruins befindet, ohne Funktion oder ablesbare Intention. Wir sind schon seit langer Zeit Ernst-Fans, aber wir haben dieses Stück erst kürzlich in einem alten Buch im Keller eines antiken, staubigen Buchladens gefunden, als wir auf der Suche nach einem Albumcover waren. Als wir es sahen, wussten wir sofort, DAS ist es - und zum Glück erhielten wir die Lizenz von den Nachlassverwaltern von Max Ernst.

Bands sollten wohl häufiger solche Keller aufsuchen, ist auch irgendwie "Metal"! Aber gut, schauen wir mal ein paar Jahre zurück: "For None And All" hat im Underground einige sehr gute Kritiken erhalten. Hat euch diese Wertschätzung eurer Arbeit unter Druck gesetzt?

Cam: Nein, ich würde nicht sagen, dass wir irgendwelchen externen Druck verspürt haben. Viele Bands finden es schwierig, Nachfolgealben zu schreiben, weil sie probieren, etwas zu kreieren, das sie schon einmal gemacht haben. Für uns wird es jedes Mal leichter und besser. Wir sind nicht daran interessiert, uns zu wiederholen. Stattdessen haben wir probiert, unsere Interessen zu erweitern, um etwas Frisches und Einzigartiges zu schaffen. Erfahrung hat dieses Album genährt. Die Welt ist riesig und Inspiration ist überall zu finden. Wir haben uns auch niemals in der Position befunden, dass unser Lebensunterhalt von unserer Musik abhängt. Daher haben wir auch nicht den Druck verspürt, den Versuch zu unternehmen, etwas zu schreiben, das möglicherweise kommerziell erfolgreich sein könnte. Wir schreiben nur für uns selbst. Mein einziges Ziel besteht darin, mit der Gewissheit ins Grab zu gehen, dass ich die beste Musik gemacht habe, die ich machen konnte (lass' dir damit bitte noch viel Zeit - der Autor).

Ich weiß, dass dir Lyrics sehr viel bedeuten. Worum geht es auf "Opulent Decay"?

Cam: Lyrics sind mir unglaublich wichtig. Poesie hat wie Musik eine transformative Kraft. Dieses Album handelt vom Kontrast zwischen Überfluss und Entbehrung - oder Verfall. Wann ist Überfluss etwas, das man sich wünscht - und was sind seine Grenzen? Wann kann Entbehrung dir Kraft verleihen - und was geht zu weit? Dekadenter Reichtum ist ein Beispiel dafür: Ich habe Erwachsene gesehen, die so an Luxus gewöhnt sind, dass sie nicht dazu in der Lage sind, ohne ständige Befriedigung zurechtzukommen, sie kommen durch die geringste Unannehmlichkeit zu Fall. Ich habe auch Wahrheitssuchende erlebt, die sich dermaßen sklavisch der Askese hingeben, dass sie nahezu alle körperlichen Freuden und Vergnügungen ablehnen. "Opulent Decay" erforscht diese Balance und die Gefahren, die auf beiden Seiten lauern.

Ich denke, dass man eure neue Scheibe als Ganzes genießen sollte. Kannst du trotzdem einen Song benennen, auf den du besonders stolz bist?

Cam: Ich schätze es sehr, dass du das Album als zusammenhängende Einheit betrachtest. Du hast recht - wir haben die Songs so geschrieben und die Lyrics so arrangiert, dass sie zusammenpassen. Du kannst jeden Song einzeln hören, aber eigentlich soll das Album als Ganzes erlebt werden. Davon abgesehen, weil du gefragt hast: 'Dawn Wanderer' ist ein ganz spezieller Song für mich. Ich glaube, es ist die beste Nummer, die ich jemals geschrieben habe, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Die Lyrics beschreiben die Kraft, die man aus Leiden und Selbstaufopferung schöpfen kann. Ich habe ungefähr fünf Jahre lang an der Musik gearbeitet und in einem Moment der Inspiration fügte sich schließlich alles zusammen. Ich bin sehr stolz darauf.

Zurecht, die Nummer ist tatsächlich sehr gelungen. "Opulent Decay" entführt den Hörer in eine andere Welt. Wie wichtig ist euch dieses eskapistische Element?

Cam: Ich glaube, dass es in unserer Welt viel gibt, was über das hinausgeht, das wir in unserem Wachbewusstsein sehen und hören. Mein Songwriting-Prozess ist ein Versuch, dies anzuzapfen: Inspiration kommt aus Träumen und dem Unterbewusstsein - ich wache oft mitten in der Nacht aus den Tiefen eines Traums auf, voller Terror und Freude, und ich probiere, in diesem Zustand zu verweilen, wenn ich meine Gitarre ergreife, um diese Gefühle in Musik zu übersetzen. Man könnte es Eskapismus nennen, aber ich betrachte dies eher als Offenheit für die anderen Zustände und Erfahrungen, die für uns existieren können.

Lester: Träume sind die größte und häufigste Abkürzung hin zu einem Grenzzustand, in dem man das Außergewöhnliche und Unheimliche erleben kann. Diese Traumkraft kann das Alltäglichste in ein Objekt starker Emotionen oder Schrecken verwandeln. Sie wirkt immer außerhalb normaler semiotischer Beziehungen und Bedeutungen. Wie beim Surrealismus liegt die Bedeutung in der Verschlüsselung der Bilder und existiert nicht als solche, wenn man sie in verdauliche Einheiten oder Symbole zerlegt. Träume sind zum Beispiel auch der einzige Ort, an dem die meisten Menschen mit den Toten sprechen oder die Zukunft erleben können.

Wie würdet ihr SPELL auf der stilistischen Ebene einordnen? Oder spielen Etiketten für euch gar keine Rolle?

Cam: Wir haben uns nie mit Genre-Etiketten beschäftigt und nie versucht, Songs in einem bestimmten Stil zu schreiben. Der Großteil meiner Inspiration scheint irgendwo von außerhalb zu kommen und ich betrachte es als ein Geschenk aus dem Jenseits, eine Form der Magie, die ich empfangen darf. Ich war nie dazu in der Lage, mich einfach hinzusetzen und bewusst einen Song zu schreiben. Ich warte, bis er mir dargeboten wird - und ich bin niemals jemand gewesen, der solch ein Geschenk ablehnt, weil etwas nicht genug nach "Metal" klingt oder solch ein Mist. Schönheit ist Schönheit. Ich höre mir auch niemals Bands nur wegen ihres Genre-Etiketts an, weil ich finde, dass man solchen Etiketten nicht entnehmen kann, ob die Musik nun gut ist oder nicht!

Welche Bands hört ihr beiden eigentlich privat? Und welches Album aus dem Jahr 2019 mochtet ihr besonders gerne?

Cam: Wir haben sehr unterschiedliche Musikgeschmäcker - und dies hat sich im Laufe der Jahre nur noch verstärkt. Ich denke, dies ist eine unserer Stärken als Band und verschafft uns anderen gegenüber einen Vorteil. Ebenso wie im Bereich Heavy Metal und Hardrock sind wir auch leidenschaftliche Sammler von Platten aus den Genres Soul, Jazz, Blues, Klassik, Punk, Death Metal, Progressive Metal, Ambient und Pop, unter anderem. Bei uns gibt es keine Regel, die besagt, irgendeinen Einfluss von unserer Musik fernzuhalten, solange er dem Feeling und Zweck dahinter dient.

Lester: Wenn wir im Speziellen über das Jahr 2019 sprechen: Wir sind große Anhänger unserer Freunde von IDLE HANDS - sie sind enorm talentiert und die nettesten Typen, die man treffen kann. Ihre Musik ist unglaublich und sie verdienen jeden möglichen Erfolg. Kürzlich haben wir das neue Album "Paranoia" von AKTOR genossen. Es ist ein einzigartiges, aus dem Gleichgewicht geratenes Rock-Meisterwerk mit dem Sänger von HIGH SPIRITS (Chris Black - der Autor). Darüber hinaus: VOLAHN - "El Tigre Del Sur" und REVEAL - "Scissorgod".

Ich habe euren Auftritt beim HELL OVER HAMMABURG im Jahr 2018 sehr genossen. Wie habt ihr dieses Festival und eure damalige Tour in Deutschland erlebt?

Cam: Das HELL OVER HAMMABURG war eine unserer liebsten Shows, die wir bislang gespielt haben. Es war einer dieser Momente, in dem alles perfekt zusammenpasste. Unsere Freunde, die uns mit der Bühnendeko halfen (unvergessen die Stehlampe und die Räucherstäbchen ... - der Autor), ein Publikum außer Rand und Band, das mit uns sang, eine großartige Zeit, in der wir im Backstagebereich mit anderen Bands abhingen und Freunde aus der ganzen Welt trafen! Die einzige schlechte Sache, die uns zustieß, ereignete sich am Ende des Abends: Während des Sets von VENENUM begann ich, mich sehr krank und fiebrig zu fühlen. Ich war besorgt, dass der Rest der Tour ruiniert sein würde, aber ich schlief und habe die ganze Nacht geschwitzt, bis das Bett platschnass war - und zum Glück wachte ich auf und fühlte mich super. Metal-Magie!

Apropos Tour: Wann werdet ihr wieder auf deutschen Bühnen zu sehen sein?

Cam: Wir arbeiten gerade sehr hart daran, eine Europa-Tour für Juli 2020 auf die Beine zu stellen. Kontaktiert uns, wenn ihr uns buchen möchtet! Danke.

Lester, Cam, herzlichen Dank für eure sehr interessanten Antworten!

Cam: Herzlichen Dank, André, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen!

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