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Interview mit Jukka Jylli von Kingston Wall

Ein Interview von baarikärpänen vom 10.08.2017 (2291 mal gelesen)
Was als kurzes Interview, passend zum Special an anderer Stelle, geplant war, wurde letztendlich eine beeindruckende Zeitreise. Besonderer Dank an Jukka Jylli, der sich als enorm auskunftsfreudiger "Reiseleiter" entpuppt hat.

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Danke Jukka, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Bevor wir über KINGSTON WALL reden, lass uns doch mal wissen, was du und Sami zur Zeit so machen.

Jukka Jylli: Wie du sicher weißt, bin ich immer noch als Session-Musiker aktiv. Ich spiele auf vielen Gigs anderer Bands und natürlich auch im Studio. Es macht einfach immer noch riesigen Spaß, auf diese Art und Weise den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Was Sami genau macht, kann ich dir leider nicht sagen. Ich sehe ihn wirklich nur noch sporadisch. Aber er ist ebenfalls noch als Session-Musiker unterwegs. Manchmal spielen wir sogar noch zusammen, aber wenn wir uns unterhalten, dann über komplett andere Dinge. Sami und ich sind aber immer noch gute Freunde.

Was kannst du uns über die Geschichte von KINGSTON WALL erzählen? Habt ihr euch vor der Band schon gekannt?

Jukka Jylli: Da muss ich etwas weiter ausholen (da haben wir doch gar nichts dagegen - der Autor). Ich traf Petri Walli so um 1987 in einer Bar namens Natsa. Meine Freunde und ich hingen da regelmäßig ab. Billiges Bier, gute Musik und tolle Gäste, hauptsächlich Rock'n'Roller. Und da kam eines Abends Petri auf mich zu und meinte, er hätte gehört, dass ich ein recht guter Bassist wäre und er gerade auf der Suche nach genau so einem und einem Drummer, für seine neue Band. Was mir heute noch gut in Erinnerung ist, war der Enthusiasmus, mit dem Petri auf mich einredete. Ich war schon recht angetrunken und hab das gar nicht so ernst genommen an dem Abend. Am nächsten Morgen stand dann tatsächlich Petri mit seinem uralten Ford Transit vor der Wohnung meiner Eltern, wo ich mehr oder weniger noch wohnte. Also nahm ich meinen Bass und wir fuhren zu seinem Proberaum. Petri und ich hatten so ziemlich die gleichen Vorstellungen, wie unsere Musik sein sollte. Beide mochten wir THE WHO, JIMI HENDRIX, CREAM, LED ZEPPELIN, aber auch Folk, RORY GALLAGHER, ZAPPA, JETHRO TULL. Oder auch Southern Boogie wie die ALLMAN BROTHERS, finnische Prog Bands, JJ CALE, die STONES, BEATLES, Soul, Reggae und auch Punk. Petri hatte natürlich seine "Helden" wie JEFF BECK oder FRANK MARINO. Ich hingegen hörte damals sehr oft THE CLASH oder RAMONES, BLUE CHEER, JASON & THE SCORCHERS. Wenn du all diese verschiedenen Einflüsse mischst, dann hast du in etwa das, was KINGSTON WALL zu Beginn ausmachte. Unser erster Drummer war Petteri Ståhl. Petri kannte ihn von irgendwoher. Ich dachte zuerst, er wäre ein Skinhead, weil er kein einziges Haar auf seinem Kopf hatte. Glücklicherweise war er aber doch eher ein Hippie, halt nur ohne Haare. Normalerweise lief es im Proberaum so ab, dass Petri mit ein oder zwei Zeilen Text auftauchte und einem Riff und wir dann so lange jammten, bis wir einen kompletten Song hatten. Unseren ersten Gig spielten wir 1988 in Pukinmäki in einer kleinen Bar, die nahe bei unserem Proberaum war. Wir hatten gerade mal sechs Songs, aber trotzdem dauerte der Auftritt satte 90 Minuten. Lag auch daran, dass wir einfach auf der Bühne neue Ideen vor Publikum ausprobierten. Das war der KINGSTON-Way und die Leute mochten es. Die einzige Vorgabe, die wir uns machten, war, die Stücke nie gleich zu spielen, also das Arrangement immer wieder zu ändern. Wir wussten also nie, was rauskommt. Wenn es prima funktionierte, dann waren das wirklich magische Momente. Manchmal klappte es natürlich auch nicht, aber das war zumindest den Leuten im Publikum egal. Mit Petteri Ståhl schrieben wir Songs wie 'Nepal' oder 'Shine On Me', die wir zwar ein paarmal bei Gigs spielten, aber dann erstmal wieder zur Seite schoben. So um 1989 waren dann Songs wie z. B. 'Mushrooms' oder 'On My Own', die später auf unserem Debüt landeten, essentieller Bestandteil unseres Live-Sets. Leider verlies uns Petteri Ståhl einige Zeit später und wurde durch Petris Kumpel Timo "Tinde" Joutsimäki ersetzt. "Tinde" war ein exzellenter Drummer und verpasste uns durch seine Art zu spielen einen deutlich härteren Sound. Mit "Tinde" machten wir einen großen Schritt vorwärts und schrieben Songs wie 'Used To Feel Before' oder 'Waste Of Time'. Das einzige Problem war, dass sowohl "Tinde" als auch Petri ein sehr ausgeprägtes Ego hatten. Machte die Sache nicht gerade einfacher, weil es zu ziemlichen Reibereien kam. Komischerweise war es aber so, dass wir, vor allem wenn die Fetzen so richtig flogen, wirklich geniale Auftritte hingelegt haben. Wir verwandelten diese Energie einfach in gute Musik. 1990, ohne einen einzigen Release waren wir schon so weit, dass wir im Tavastia in Helsinki auftreten konnten. Aber es war klar, dass wir unbedingt eine Platte brauchten. Also gingen wir zu Ralf Örn ins One Inch-Studio in Lepakko/Helsinki und hatten nach recht kurzer Zeit genug Material aufgenommen für eine LP oder CD. Aber, wie das Leben so spielt, ausgerechnet zu dem Zeitpunkt hatte "Tinde" keinen Bock mehr auf KINGSTON WALL. Da standen wir also, mit einer Scheibe im Kasten, aber ohne Drummer. Petri und ich traten weiterhin auf, er mit Akustik-Gitarre und ich am Kontrabass. Wir hatten damals diese verrückte Idee, dass wir daraus einen regelmäßigen Konzertabend machen wollten, an dem wir Cover spielten von RORY GALLAGHER oder ZAPPA. Aber klar, wir wollten natürlich auch weiterhin unsere eigene Musik spielen. Und dafür brauchten wir einen Drummer, der mindestens so gut wie "Tinde" sein musste. Petri hatte auf Umwegen von diesem Schlagzeuger, Sami Kuoppamäki, gehört, der bei FIVE-FIFTEEN spielte und Petri meinte, er wäre genau der richtige. Das Problem war, dass der aber zu der Zeit in Kalifornien auf einer Musikhochschule war. Also schickte Petri ihm ganz einfach eine Kassette mit unseren Songs, die er sich anhören sollte. Um die Weihnachtszeit war Sami dann für kurze Zeit zurück in Finnland. Und was machte Petri? Er buchte uns einen Gig für den 30.12.1990 im Shadow Club in Helsinki. Wir trafen uns am Tag vorher im Proberaum. Anstatt aber zu proben, verbrachten wir die meiste Zeit einfach mit quatschen. Und am nächsten Tag spielten wir einen zweistündigen Gig, der einfach nur phänomenal war. Es gibt heute noch Menschen, die an diesem Abend im Club waren und darüber reden. Sami flog ein paar Tage später wieder in die Staaten, um sein Studium zu beenden. Petri und ich nahmen unsere Idee von den Konzertabenden wieder auf und spielten einmal pro Woche im Shadow Club mit wechselnden Gästen on stage. Im April etwa kam Sami dann aus den Staaten zurück und wir begannen sofort mit den Proben. So ziemlich genau ein Jahr nach den Aufnahmen mit "Tinde" gingen wir wieder zurück ins Studio und nahmen die ganze Platte nochmal neu auf. Nach dem Sommer spielten wir dann ein paar HENDRIX-Tribute-Shows, verlagerten unsere Konzertabende vom Shadow Club ins Music Marathon Restaurant in Hakaniemi. Zur "Haus-Band" gehörten damals noch Sakari Kukko (Querflöte/ Saxophon) und Mikko von Hertzen (heute VON HERTZEN BROTHERS - der Autor) an den Percussions. Sami spielte ein recht merkwürdiges Drum-Kit mit einem Plastikeimer als Bass Drum. Großartige Zeiten ... Im Januar 1992 war es dann soweit und unser erstes Album erschien auf Petris Trinity-Label, weil KINGSTON WALL damals von den Majors als viel zu altbacken gesehen wurden, kein Potential.

Die Zahl finnischer Bands, die sich auf den internationalen Markt konzentrierten, war damals an einer Hand abzuzählen. Auch ihr habt euch vornehmlich auf Finnland konzentriert. Hattet ihr mit KINGSTON WALL keine Pläne, auch außerhalb Finnlands durchzustarten?

Jukka Jylli: Klar wollten wir auch außerhalb Finnlands spielen. Wir standen sogar zwei Mal auf der Liste der Bands, die für Roskilde in Frage kommen. Letztendlich hat es aber nicht geklappt. Ich denke, es lag einfach daran, dass wir auf keinem großen Label waren. Ein Major mit viel Geld im Rücken hätte uns bestimmt geholfen. Unseren einzigen Gig außerhalb Finnlands spielten wir 1990, noch mit "Tinde", auf dem Noorte Muusa Festival in Estland.

Obwohl alle drei Mitglieder auf den Alben Songwriting-Credits bekommen, gilt gemeinhin Petri als derjenige, der alle Songs geschrieben hat. Welchen Einfluss hatten du und Sami im Songwriting?

Jukka Jylli: Nun ja, die Texte kamen alle von Petri. Auch die meisten Riffs und Melodien. Aber eben nicht alle. 'I'm Not The One' zum Beispiel war eindeutig meine Idee. Normalerweise war es so, dass Petri mit einem ziemlich unfertigen Fragment kam und wir alle drei zusammen so lange daran arbeiteten, bis wir einen Song hatten, mit dem alle zufrieden waren. Rückblickend kann man aber sagen, dass es schon Petri war, der die meisten Songs schrieb.

Alle eure Alben erschienen auf Trinity-Records, dem Label von Petri. Hattet ihr keine Anfragen von größeren Companies oder wart ihr schlicht und einfach glücklich mit der Do-it-yoursel-Methode?

Jukka Jylli: Wir wären schon gerne bei einer größeren, professionellen Firma gelandet. Aber uns wollte einfach niemand haben. Nachdem wir unser Debüt veröffentlicht hatten und die erste Auflage sehr schnell vergriffen war, kamen dann schon Anfragen. Aber da wollten wir nicht mehr. Uns war die Freiheit, das zu tun, was wir wollten, einfach wichtiger. Unser zweites Album, das für mich immer noch unser Masterpiece ist (nicht nur für dich, Jukka - der Autor), wäre mit einem Produzenten, den uns eine größere Firma vorgesetzt hätte, gar nicht möglich gewesen. Und letztendlich waren es nun mal die frühen 90er.

In eurer Musik verarbeitet ihr eine Menge verschiedenster Einflüsse. Psychedelic, Acid, Folk, um nur ein paar zu nennen. Die Basis ist für mich aber immer Rock/Hard Rock. Kannst du da zustimmen?

Jukka Jylli: Eigentlich ist es schwer zu sagen, wo unsere Einflüsse liegen. Cosmic Blues, also das, wofür JIMI HENDRIX stand, trifft es ganz gut. Du wirst lachen, aber zu Beginn sollte KINGSTON WALL eine Band im Stile von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL werden. Aber uns war schon nach kurzer Zeit klar, dass das nichts wird, dafür waren wir einfach zu "anders". Ich denke, vor allem britische/amerikanische Bands aus den späten 60ern/frühen 70ern haben uns besonders inspiriert. Um ehrlich zu sein, mag ich den Begriff Hard Rock nicht mal besonders. Das meiste Zeug, was sich Hard Rock oder auch Heavy Metal nennt, klingt für mich nicht besonders hart. Aber hey, das ist natürlich meine persönliche Meinung und bestimmt nicht allgemeingültig. BO DIDDLEY oder LITTLE RICHARD, das ist mein Hard Rock.

Petri Walli war (nicht nur für mich) einer der kreativsten Musiker, ein Mann mit einer Vision. Welche Erinnerungen hast du persönlich an Petri?

Jukka Jylli: Rein musikalisch war Petri ein Seelenverwandter. Zumindest, bis zu dem Zeitpunkt, als er begann, sich für Techno zu interessieren. Petri mochte mein Bass-Spiel. Oft bezeichnete er es als das Herz der Band. Wir haben uns auf der Bühne nie limitiert. Er war als Solist völlig frei von allen Zwängen, und auch ich spielte, was mir gerade einfiel und was passte. Mit einem Drummer in der Band wurde er aber sofort zum Boss. Und je mehr Erfolg wir hatten, desto grösser wurde sein Ego. Ich persönlich hatte damit aber gar kein Problem. Und das änderte auch nichts daran, dass es wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, mit ihm zu spielen. Sehr oft, besonders nach Gigs, gab es eine seiner Partys, auf denen ich mich aber sehr selten habe blicken lassen. Liegt daran, dass ich ein sehr ruhiger Typ bin, der nicht viele Menschen um sich herum mag und, ehrlich gesagt, konnte ich auch wenig mit seinen Freunden anfangen. Die dachten bestimmt von mir, dass ich irgendwie ein komischer Kauz bin. Petri selbst hat mir das nie vorgehalten. Er verstand mich einfach. Wenn du mich jetzt fragst, was ich von seinem Talent als Gitarrist gehalten hab, kann ich dir eigentlich gar keine richtige Antwort darauf geben. Petri brauchte Druck, dann war er unschlagbar. Wenn du ihm sagtest, dass er als Gitarrist nicht besonders viel drauf hatte, dann schüttelte er sich aus dem Stehgreif ein Solo aus dem Ärmel, dass dir die Kinnlade runtergefallen ist. Petri war musikalisch ein echtes Genie. Nach unserer letzten Tour begann er, sich mit elektronischer Musik zu befassen und war schon nach kurzer Zeit richtig gut. Wenn sein tragischer Tod nicht dazwischen gekommen wäre, bin ich mir sicher, er wäre heute einer der besten Finnen in dieser Sparte.

Ich habe von vielen Finnen gehört, dass sie KINGSTON WALL immer noch sehr schätzen und die Band als eine der wirklich relevanten Acts im Bereich Hard Rock sehen. Wie fühlst du dich, wenn du so etwas hörst? Macht es dich stolz?

Jukka Jylli: Es ist natürlich toll, wenn vor allem junge Menschen, nicht nur aus Finnland, sondern mittlerweile aus allen Ecken der Welt, auf mich zukommen, um mir zu sagen, wie viel ihnen KINGSTON WALL bedeuten. Vor allem, weil wir eine Band waren, die auf der Bühne zuhause war. Diese Menschen haben uns nie live spielen sehen. Für uns war das eine sehr merkwürdige Situation, im Studio zu stehen und unsere Musik aufzunehmen. Ich möchte fast sagen, die Zeit im Studio war sehr ernüchternd. Vor allem als die letzte Session für unser erstes Album abgeschlossen war, hatte ich das Gefühl, alles wäre reine Zeitverschwendung gewesen. KINGSTON WALL waren eine Band, die immer in Bewegung war. Das, was wir da aufs Band gezimmert haben, war nur eine Bestandsaufnahme zu diesem speziellen Zeitpunkt. So, wie die Songs da zu hören sind, waren sie später nie mehr auf der Bühne. Hätten wir die Songs ein Jahr später nochmal aufgenommen, das Endergebnis wäre total anders gewesen. Ich, für meinen Teil, fand meinen Bass alles andere als gut. Wenn nun aber Menschen kommen und mir sagen, wie viel ihnen die Musik bedeutet, macht mich das glücklich und es bewegt mich auch. Aber stolz? Ich finde, man sollte nicht stolz sein. Letztendlich verursacht das nur Probleme, wenn du zu stolz auf etwas bist, du verlierst die Bodenhaftung.

Schaut man sich eure Diskographie an, ist "III - Tri-Logy" das kontroverseste eurer Alben, besonders wegen der Texte. Die Texte waren stark beeinflusst von Ior Bock und letztendlich einer der Gründe, warum die Band auf Eis gelegt wurde. Es würde mich interessieren, wie deine Sicht der Dinge ist.

Jukka Jylli: Ich traf Ior Bock zum ersten Mal, als ich acht Jahre alt war und mit meiner Klasse auf einem Ausflug nach Suomenlinna. Ior (damals nutze er noch seinen richtigen Nachnamen Svedlin), arbeitete da als Touristenführer. Und Mann, ich kann es nicht anders sagen, aber er sah aus wie eine Horror-Version von Francis Rossi (STATUS QUO - der Autor), mit seiner Jeans-Weste, den Cowboy-Boots und seinen dünnen Haaren die er zum Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Wir armen Kinder rannten also diesem Kerl hinterher, der unaufhörlich quasselte. Verstanden haben wir nichts. Nur einmal stoppte er, schaute geheimnisvoll und sagte "Hier, an diesem Platz, hat ein Kerl ein Pferd gefickt. Sie haben beide aufgehängt, den Kerl und das Pferd!". Das war die einzige Erinnerung, die ich an Bock hatte. In meinen Augen war er ein durchgeknallter Clown, aber durchaus eine beeindruckende Persönlichkeit. Als dann Petri 18 Jahre später damit ankam, war mir gar nicht bewusst, wie ernst es ihm damit war. Ich dachte erst, Petri macht sich einfach 'nen Spaß. Sami dagegen war von Anfang an ziemlich genervt von diesem ganzen Saga-Kram (das Buch, welches Bock veröffentlichte - der Autor). Die Musik auf "III" ist immer noch KINGSTON WALL. Wir waren damals richtig gut drauf. Aber die Texte? Lass es mich so sagen, Petri war nicht mehr bei uns ...

Traurigerweise endet die Geschichte von KINGSTON WALL mit dem Tod von Petri Walli. Und es gibt auch immer noch einige Gerüchte, warum er das getan hat. Warst du in den Tagen davor noch mit ihm in Kontakt?

Jukka Jylli: Ich traf Petri das letzte Mal an Heiligabend 1994. Er rief mich an und bat mich, vorbeizuschauen, weil er unbedingt noch ein paar Geldangelegenheiten klären wollte. Ich glaube, er war nicht sonderlich glücklich, weil wir mit der letzten Tour nicht viel verdient hatten, wollte mir aber doch zumindest noch ein paar Prämien zahlen. Außerdem war er kurz davor, nach Indien aufzubrechen, zu seinem zweiten Trip dorthin. Unser Treffen an dem Tag war sehr merkwürdig. Er bot mir was zu trinken an, schaute aber ansonsten schweigend aus dem Fenster. Nur einmal fragte er mich, ob ich das Schiff sehen könnte, das da auf uns zukommen würde. Ich schaute aus dem Fenster und sah eine Wolke, die die Form eines Wikingerschiffes hatte. Aber das war auch alles, was er an diesem Nachmittag sagte. Wir wünschten uns noch "Frohe Weihnachten" und ich ging. Im darauffolgenden Sommer, ich war gerade mitten auf dem Atlantik, als Maschinist eines finnischen Container-Schiffes, auf dem Weg von Charleston/ South Carolina nach Norwegen, als mich meine Frau auf dem Satelliten-Telefon anrief und mir sagte, dass Petri tot sei. Ehrlich, besonders überrascht hat mich das damals nicht und ich war auch in dem Moment nicht besonders traurig. Gründe für seinen Tod wollte ich keine hören, weil ich genau wusste, dass man mich nach meiner Rückkehr mit allen möglichen Gerüchten konfrontieren würde. Schade war die Tatsache, dass ich es nicht rechtzeitig zum Begräbnis schaffen würde. Einige Zeit später, ich war wieder in Finnland, kam dann aber doch eine Art Depression. Meinen Bass stellte ich in die Ecke und hatte auch kein Interesse mehr an Musik. Außer zwei Auftritten mit Maukka Perusjätkä, einer finnischen Punk-Legende, lief gar nichts. Geändert hat sich das erst wieder im darauffolgenden Jahr, als meine erste Tochter geboren wurde. Ich hatte die Chance, mit wirklich großartigen Musikern wieder auf der Bühne zu stehen, musste mich aber erst dran gewöhnen, dass die alles so "korrekt" wie möglich haben wollten. Etwas, was wir bei KINGSTON WALL nie gemacht haben. Wir waren gut, aber improvisieren war das, was uns ausgemacht hat. Und ja, ich habe KINGSTON WALL einige Jahre wirklich nachgetrauert.

Dank Internet, vor allem YouTube, werden immer mehr Leute weltweit auf KINGSTON WALL aufmerksam. Freut dich das und bekommst du viele Nachrichten oder Anfragen?

Jukka Jylli: lacht Ja, hin und wieder kommt es vor, dass jemand ein Interview machen möchte. Und natürlich habe ich nichts dagegen, es freut mich.

Classic Rock oder Vintage Rock ist ja im Moment wieder ziemlich angesagt, z. B. GRAVEYARD, HORISONT, THE VINTAGE CARAVAN. BLUES PILLS rollen sogar die Charts in Deutschland von hinten auf. Kennst du diese Bands?

Jukka Jylli: Ehrlich gesagt, muss ich da passen. Ich höre nicht besonders viel neues Zeug. Ab und zu passiert es, mehr aus Zufall, dass ich über Bands stolpere, die mir gefallen. Vor einiger Zeit CAROLINA CHOCOLATE DROPS. Aber das sind Ausnahmen. Natürlich gibt es so viel Musik, die ich mir mal anhören sollte und bestimmt auch werde, so wie die Bands, die du gerade genannt hast. Man kann ja immer noch was lernen.

Denkst du, wenn du so zurück schaust, dass KINGSTON WALL zwar an der richtigen Stelle waren, aber zur falschen Zeit? Oder bist du rückblickend zufrieden mit dem, was ihr erreicht habt (natürlich nicht mit dem tragischen Ende)?

Jukka Jylli: Viele Leute haben mir gesagt, dass wir mit unserer Musik einfach total "out" waren in den frühen Neunzigern, ohne Aussicht auf irgendeinen Erfolg. Meine Teenager-Zeit verbrachte ich ja in den 80ern, aber mochte vor allem Musik der 60er und 70er. Musik, die damals keiner mehr spielte und die du nur noch auf LP oder Kassette hören konntest. Heutzutage, gereift mit dem Alter, bin ich viel toleranter, was Musik angeht. Damals war ich es aber nicht. Natürlich gab es damals auch gute Bands, keine Frage. Nur, dieses britische Stock, Aitken, Waterman Post-Disco-Elektronik-Zeug, das gab mir gar nichts. Auch Hard Rock, oder wie ich es nannte "Soft Rock", also Bands wie BON JOVI, SCORPIONS, VAN HALEN ... na ja. Sogar Reggae, den ich sehr mag, verkam damals zu "schwedischer Fahrstuhl-Musik" (Finnen und Schweden, ein ganz besonderes Liebesverhältnis - der Autor) . All das wollte ich definitiv nicht spielen. Es war genau diese damalige Zeit, die KINGSTON WALL zu dem gemacht haben, was wir waren. Wer weiß, unter anderen Umständen wäre aus uns etwas ganz anderes geworden. Möglicherweise waren wir also wirklich am richtigen Ort, aber zur falschen Zeit. Wir hatten nie die Chance, größer und bekannter zu werden. Wenn ich mir unsere Alben heute anhöre, dann denke ich, sie würden differenzierter klingen, wenn wir sie anders produziert hätten. Besser oder schlechter? Wer weiß? Aber auf jeden Fall anders.

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